Harmlos, weil beknackt? – Artikel aus „blick nach rechts“
Von Martin Gerster MdB
Bei der Nationalversammlung Deutsches Reich bandeln Ufo-Esoteriker mit dem rechtsextremistischen Milieu an. Der eine leugnet die Existenz der Bundesrepublik, der andere will um die Existenz von Ufos wissen. Unter dem Dach der „Nationalversammlung des Deutschen Reichs“ kommen beide zusammen. Matthes Haug als selbst ernannter Reichspräsident und Reiner Feistle, der nach eigener Aussage von Außerirdischen entführte Hauptdarsteller des Werks „Projekt Aldebaran“, das aus der Feder des Verschwörungstheoretikers Jan Udo Holey (Jan van Helsing) stammt. Auf der Suche nach Science-Fiction-Publikum ist Feistle nun bei den Ewiggestrigen angekommen.
Es ist schon eine sonderbare Melange, die sich da am rechten Rand des gesellschaftlich-politischen Lebens im deutschen Südwesten herausbildet. Doch was auf den ersten Blick wie reichlich verworrene Spinnerei klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als gefährliche Mixtur aus Geschichtsverfälschung und Nazi-Esoterik. Haugs „Nationalversammlung des Deutschen Reiches“ ist nur eine von mehreren Kommissarischen Reichsregierungen (KRR), die sich mit Leidenschaft einer Theorie verschrieben haben, nach der das Deutsche Reich formal niemals zu existieren aufgehört habe. BRD und DDR seien hingegen mit den 2+4-Verträgen „erloschen“.
Aus dieser Perspektive erscheint es für KRR-Anhänger nur konsequent, sämtlichen staatlichen Stellen die Autorität abzusprechen und eigene Dokumente wie Reisepässe und Führerscheine auszustellen. Selbstverständlich gegen Gebühren, die ironischerweise in Euro erhoben werden. Vom Berliner Verfassungsschutz noch als vor wenigen Jahren als „harmlos, weil beknackt“ abgetan, zeigen die KRRs gegenwärtig starke Neigungen, sich weiter mit Kräften des extremistischen Spektrums zu vernetzen. So finden sich Verweise auf Haugs Nationalversammlung auf den Internetseiten von Rechtsextremisten wie Christian Bärthel oder Jo Conrad, der wie Feistle ein glühender Anhänger der Theorien Jan van Helsings ist. Mit seinem Buch „Geheimgesellschaften“, das 1996 als volksverhetzend indiziert und beschlagnahmt wurde, hatte sich dieser als Vorreiter für die wachsende Vernetzung von Esoterik und Rechtsextremismus etabliert. Werbung für van Helsings zweifelhaftes Ouevre findet sich auch auf der Homepage des „Allgäuer Freundeskreises für grenzwissenschaftliche Phänomene“ (kurz All-Para), getragen von Reiner Feistle und seine Frau Karin, deren Spezialgebiet Geistheilung durch Handlauflegen bei Menschen und Tieren ist.
„Reichpräsident“ Haug bewirbt seinerseits offensiv den Rudolf-Heß-Gedenkmarsch im bayrischen Wunsiedel, der sich in jüngerer Vergangenheit – im letzten Jahr wurde ein Verbot durchgesetzt – zu einer regelrechten Pilgerfahrt für Neonazis entwickelt hatte. Damit folgt Haug einem Trend, der für den Dunstkreis der in Deutschland aktiven KRRs nicht untypisch ist.
In ähnlicher Art und Weise propagiert der „kommissarische Oberpräsident der Provinz Niederschlesien“ Andreas Franke – im Rahmen der Internetinitiative „Gesundes Sachsen“ – sowohl Vorträge namhafter Rechtsextremisten wie Jo Conrad als auch die abstrusen Thesen der „Germanischen Neuen Medizin“, hinter denen der umstrittene Wunderheiler Eike Geerd Hamer steht. In Hamers Schriften tritt eine eindeutige antisemitische Haltung zutage, die ihn letztendlich zu der irrwitzigen Behauptung führt, die Juden verhinderten die Anwendung seiner Neuen Medizin und wollten den Massenmord an Nicht-Juden. Wo auf diese Weise Aberglaube, Quacksalberei, Antisemitismus und offene Naziverehrung zusammenspielen, wirken Kräfte, die zwar beknackt aber keineswegs harmlos sind. Martin Gerster ist stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Rechtsextremismus der SPD-Bundestagsfraktion
Freitag, 18 August, 2006
Da haben sich zwei Wirrköpfe gefunden, der medizinische Wirrkopf Ryke Geerd Hamer und der politische Wirrkopf Matthes Haug. Der Letztgenannte gibt sich als „Präsident der Nationalversammlung des Deutschen Reiches“ und in Personalunion als „vorläufiger Reichspräsident“ aus. Hier seine Homepage: http://www.deutsches-reich-heute.de/html/index2.php Auf der folgenden Seite findet man weitere Informationen über seine Person und seine Aktivitäten für das „Deutsche Reich“: http://www.krr-faq.de/reg3.php#haug Die sozialdemokratische Fachzeitschrift „blick nach rechts“ hatte sich jüngst der Thematik angenommen (siehe Text hier im Kommentar).
Ende April diese Jahres besuchte Haug ein Seminar von Hamer in Spanien. Dort produzierte er ein Video mit einem etwas über eine Stunde dauernden Gespräch mit Hamer. Den Film kann man sich hier angucken: http://www.lnc-2010.de/Haug_Hamer.wmv Besonders diejenigen, die sich bisher von dem Geschwätz der GNM-Anhänger über die überragende Persönlichkeit ihres Dr. Hamer beeindrucken ließen, sollten sich das Video einmal anschauen.
Gleich zu beginn meint Hamer, dass täglich 1500 Menschen durch die Germanische Neue Medizin ums Leben kommen. Das war natürlich ein Versprecher von ihm, denn ganz so schlimm ist es noch nicht. Man hätte ja an dieser Stelle das Gespräch problemlos wieder von vorne beginnen können, aber nein, diesen Leuten scheint wirklich jede Peinlichkeit ein Bedürfnis zu sein. Das zeigt sich auch in Hamers Einlassungen über die medizinische Behandlung von Paul Spiegel (siehe dazu Eintrag Nr. 6 vom 1. Mai). Hier haben wir auch mal wieder einen deutlichen Beleg für Hamers wahnhafte Vorstellung, die Juden würden die GNM bereits praktizieren und sie den Nicht-Juden vorenthalten. Folgt man seiner Logik, dann bezichtigt er die Juden damit, schuld an täglich 1500 Toten alleine in Deutschland zu sein. Wenn das kein Antisemitismus sein soll.
In dem Gespräch, welches von Matthes Haug mit seinen Ausführungen über das „Deutsche Reich“ dominiert und durch ständige Widerholungen Hamers aufgefächert wird, kommt Haug im letzten Drittel dann zur Sache. Er bietet Hamer das Amt des „Reichspräsidenten“ an, das er selbst ja nur vorläufig bekleidet. Hamer sei mit seinen „höheren, hehren Eigenschaften“ der Richtige dafür. Darüber gibt es keinen Zweifel, denn Hamer gilt in der immer größer werdenden Szene, über die wir in unseren Extrablogs berichten (siehe Header), als der größte germanische neue Medizinmann aller Zeiten. Hamer willigt sichtlich erfreut ein und erklärt seine Bereitschaft, für das Amt des „Reichspräsidenten“ kandidieren zu wollen.
Aus den Einlassungen Haugs geht auch hervor, dass es nicht alleine die „herausragende Persönlichkeit“ Hamers als Integrationsfigur in der Szene ist, die ihn dazu bewogen hat, Hamer dieses Angebot zu unterbreiten. Es ist auch die organisatorische Infrastruktur der GNM-Sekte, auf die es Haug abgesehen hat. Wenn es ihm gelingen sollte, über den „Reichspräsidenten“ Hamer seine Gefolgschaft wesentlich zu vergrößern, müsste man die hier im Eintrag Nr. 3 vom 15. April getroffene Einschätzung bzgl. der politischen Relevanz der GNM neu bewerten.
Die Weichen scheinen im System Pilhar bereits dafür gestellt zu sein. Auf Pilhars Website befindet sich jetzt selbstverständlich auch ein Link zu diesem Video (der Link ist inzwischen überall in der Szene verbreitete worden) und, das ist dann ein ganz deutlicher Beleg dafür, in welche Richtung die Reise gehen soll: Pilhar verteilt auf seinen Vortragsveranstaltungen neuerdings kostenlos eine CD-ROM, genau mit diesem Video.
Nachtrag 22.08.06
Im GNM-Forum regt sich Widerspruch gegen die reichsdeutsche Hamer-Haug-Allianz. Anhänger in Bolivien haben eine Erklärung dazu verfasst: http://www.gnm-forum.com/phpBB2/ftopic880.html Der Rechtsextremist und Reichsbürger Christian Joswig (siehe Eintrag Nr. 27) weist diese Kritik schroff zurück. Hier könnte es im System Pilhar zu einer ähnlichen Zerreißprobe kommen, wie im Falle von „Faktor L“. Dort gibt es auch eine aufschlussreiche Diskussion zu der Entwicklung: http://www.faktor-l.de/viewtopic.php?t=1108&postdays=0&postorder=asc&start=0 Die GNM-Gruppe in Bolivien wurde bereits von Pilhar aus seinem System entfernt, so schnell geht das. Unterdessen nimmt der Disput im GNM-Forum an Schärfe zu, auch in einem weiteren Thread: http://www.gnm-forum.com/phpBB2/ftopic885.html Hamer sah sich inzwischen ebenfalls genötigt, etwas dazu zu schreiben bzw. schreiben zu lassen. Die Botschaft wurde von Antje Scherret präsentiert: http://www.gnm-forum.com/phpBB2/ftopic887.html In dem Brief vom 21. August spult Hamer noch einmal seine Weltsicht ab: Alle, die nicht seiner GNM folgen, sind Massenmörder. Ein anderes Deutschland muss her. Konkret über seine Kandidatur schreibt Hamer nichts. Pilhar hat diesen „Dr. Hamer an Freunde … damit wir uns nicht falsch verstehen“ jetzt bei den News: http://www.pilhar.com/News/news.htm Darüber prangert ein großes Foto Seiner Unantastbarkeit: Euer Ryke Geerd for president.
posted by Arbeitskreis Enigma at 1:48 PM on Aug 18 2006
"30 - Hamer soll „Reichspräsident“ werden"
1 Comment -
http://www.bnr.de/bnraktuell/ausgabe162006/harmlosweilbeknackt/
Harmlos, weil beknackt? – Artikel aus „blick nach rechts“
Von Martin Gerster MdB
Bei der Nationalversammlung Deutsches Reich bandeln Ufo-Esoteriker mit dem rechtsextremistischen Milieu an.
Der eine leugnet die Existenz der Bundesrepublik, der andere will um die Existenz von Ufos wissen. Unter dem Dach der „Nationalversammlung des Deutschen Reichs“ kommen beide zusammen. Matthes Haug als selbst ernannter Reichspräsident und Reiner Feistle, der nach eigener Aussage von Außerirdischen entführte Hauptdarsteller des Werks „Projekt Aldebaran“, das aus der Feder des Verschwörungstheoretikers Jan Udo Holey (Jan van Helsing) stammt. Auf der Suche nach Science-Fiction-Publikum ist Feistle nun bei den Ewiggestrigen angekommen.
Es ist schon eine sonderbare Melange, die sich da am rechten Rand des gesellschaftlich-politischen Lebens im deutschen Südwesten herausbildet. Doch was auf den ersten Blick wie reichlich verworrene Spinnerei klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als gefährliche Mixtur aus Geschichtsverfälschung und Nazi-Esoterik. Haugs „Nationalversammlung des Deutschen Reiches“ ist nur eine von mehreren Kommissarischen Reichsregierungen (KRR), die sich mit Leidenschaft einer Theorie verschrieben haben, nach der das Deutsche Reich formal niemals zu existieren aufgehört habe. BRD und DDR seien hingegen mit den 2+4-Verträgen „erloschen“.
Aus dieser Perspektive erscheint es für KRR-Anhänger nur konsequent, sämtlichen staatlichen Stellen die Autorität abzusprechen und eigene Dokumente wie Reisepässe und Führerscheine auszustellen. Selbstverständlich gegen Gebühren, die ironischerweise in Euro erhoben werden. Vom Berliner Verfassungsschutz noch als vor wenigen Jahren als „harmlos, weil beknackt“ abgetan, zeigen die KRRs gegenwärtig starke Neigungen, sich weiter mit Kräften des extremistischen Spektrums zu vernetzen. So finden sich Verweise auf Haugs Nationalversammlung auf den Internetseiten von Rechtsextremisten wie Christian Bärthel oder Jo Conrad, der wie Feistle ein glühender Anhänger der Theorien Jan van Helsings ist. Mit seinem Buch „Geheimgesellschaften“, das 1996 als volksverhetzend indiziert und beschlagnahmt wurde, hatte sich dieser als Vorreiter für die wachsende Vernetzung von Esoterik und Rechtsextremismus etabliert. Werbung für van Helsings zweifelhaftes Ouevre findet sich auch auf der Homepage des „Allgäuer Freundeskreises für grenzwissenschaftliche Phänomene“ (kurz All-Para), getragen von Reiner Feistle und seine Frau Karin, deren Spezialgebiet Geistheilung durch Handlauflegen bei Menschen und Tieren ist.
„Reichpräsident“ Haug bewirbt seinerseits offensiv den Rudolf-Heß-Gedenkmarsch im bayrischen Wunsiedel, der sich in jüngerer Vergangenheit – im letzten Jahr wurde ein Verbot durchgesetzt – zu einer regelrechten Pilgerfahrt für Neonazis entwickelt hatte. Damit folgt Haug einem Trend, der für den Dunstkreis der in Deutschland aktiven KRRs nicht untypisch ist.
In ähnlicher Art und Weise propagiert der „kommissarische Oberpräsident der Provinz Niederschlesien“ Andreas Franke – im Rahmen der Internetinitiative „Gesundes Sachsen“ – sowohl Vorträge namhafter Rechtsextremisten wie Jo Conrad als auch die abstrusen Thesen der „Germanischen Neuen Medizin“, hinter denen der umstrittene Wunderheiler Eike Geerd Hamer steht. In Hamers Schriften tritt eine eindeutige antisemitische Haltung zutage, die ihn letztendlich zu der irrwitzigen Behauptung führt, die Juden verhinderten die Anwendung seiner Neuen Medizin und wollten den Massenmord an Nicht-Juden. Wo auf diese Weise Aberglaube, Quacksalberei, Antisemitismus und offene Naziverehrung zusammenspielen, wirken Kräfte, die zwar beknackt aber keineswegs harmlos sind.
Martin Gerster ist stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Rechtsextremismus der SPD-Bundestagsfraktion
Freitag, 18 August, 2006