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19. November 2007
 

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Joachim Bublath

Forum zur Sendung

Strategien gegen das Denken - Teil 3 -

Warum gerade der Verzicht auf das forciertes Denken für Lyssenko karriereförderlich war, hat sicher mit der Dogmatik eines ideolgisch fixierten Systems zutun. Die Idee Lyssenkos, "Kulturpflanzenarten wie Weizen und Roggen lassen sich durch geeignete Umweltbedingungen ineinander umwandeln", bot nämlich der politischen Elite des Kommunismus eine ideale Analogie zur Wunschvorstellung eines neuen Menschentyps. Die Vorstellung von leicht aufprägbaren neuen Eigenschaften passte vortrefflich in die Ideologie der Umerziehung zum kommunistischen Menschen.
Und genau so, wie in den Kaderschulen den Menschen das selbstständige Denken abgewöhnt werden sollte, pflanzte Lyssenko Weizen auf ungeeignete Böden, sah spärlich Roggen wachsen, und feierte den Sieg der Ignoranz. Dass sich der Roggen von Nachbarfeldern ausgesät hatte, traute sich niemand zu sagen. Es wäre ja ein Zeichen von eigenständigem Denken gewesen; und wir wissen ja: Denken ist gefährlich.

Trotz der unübersehbaren Widersprüche zwischen Lyssenkos Behauptungen und Prognosen, und der Realität der Natur (Missernten, Hungerkatastrophen), hielt die russische Führung fast 20 Jahre an seiner Person fest, und warf damit die sowjetische Pflanzenzucht in Mittelalter zurück.

Nun gibt es heute Zeitgenossen, die der Genialität Lyssenkos etwas kritischer gegenüber stehen. Und die behaupten doch tatsächlich, dass Lyssenkos Nichtdenken etwas mit Verblendung zutun hatte, weil nicht mehr beweisbare Theorien seine Weltsicht beeinflussten, sondern Ideologie. Welch ein Defätismus!

Gerade nämlich, weil Lyssenkow in weiser Voraussicht das kritische Denken abschaffte, ist er doch ein ideales Vorbild für unsere heutige Zeit. Wer das Denken aufgeben will, sollte deshalb Lyssenko eingehend studieren, dann werden sehr schnell die Strategien deutlich, mit denen man/frau ohne Schwierigkeiten "sein/ihr Ding" durchziehen können:

- Auf jeden Fall die Stammtischhoheit erobern, egal wie.
Sei es durch Verleumdnung, durch Lüge, oder durch Rufmord.

- Kritikern grob über den Mund fahren, solange Sie keine Telefonnummer eines skrupellosen Geheimdienstes besitzt.
Haben Sie die, bieten sich andere Möglichkeiten...

- Durch gefährliches Denken an anderer Stelle erworbenes Wissen auf jeden Fall - ich wiederhole - auf jeden Fall ignorieren.

- Fehlschläge einfach nicht wahrnehmen. Sie sind nur die ungewollten Überbleibsel eines obsoleten kritischen Denkens. Aber das gibt sich im Laufe der Zeit...

Wenn Sie diese wenigen Techniken beherrschen, werden Sie kein Probleme mehr mit gefährlichem Denken haben. Bleiben Sie im Dialog mit der höheren Welt und hoffen Sie auf die Zukunft.

Ach ja, und pflanzen Sie ein Zitronenbäumchen in Helsinki. Als symbolische Geste gegen die größte Gefahr unserer Zeit.

Gulda
(Passen Sie auf sich auf; Alles wird gut; Ihnen allen ein schönes Leben...Fortsetzung folgt)

 

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