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Author Topic: Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die STIKO, 2019  (Read 6 times)

Krik

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Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die STIKO, 2019
« on: January 16, 2020, 10:21:35 AM »

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/03/Art_01.html

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Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die STIKO, 2019

Die Varizellen-Impfung wird in Deutschland gut umgesetzt und hat zu einem großen Rückgang der Erkrankungszahlen und Krankenhausbehandlungen mit Varizellen geführt. Während der größte Effekt bei den geimpften Kohorten zu verzeichnen ist, treten auch indirekte Effekte des Gemeinschaftsschutzes bei nicht geimpften Bevölkerungsgruppen auf. Bisher kam es nicht zu einem Anstieg der Inzidenzen im Erwachsenenalter. Auch eine Zunahme von HZ-Fällen durch die Varizellen-Impfung kann nicht bestätigt werden. Die hohe Wirksamkeit der Impfung insbesondere nach 2 Impfdosen sowie ein lang anhaltender Impfschutz sind gut durch Studiendaten belegt. Wie die STIKO im Epidemiologischen Bulletin 3/2020 ausführt, sieht sie in der Aufrechterhaltung hoher Varizellen-Impfquoten bzw. der Verbesserung der Impfquoten in den Regionen, wo die 80%ige Durchimpfung der Kinder mit 2 Varizellen-Impfstoffdosen noch nicht erreicht ist, eine hohe Priorität. Fehlende Varizellen-Impfungen sollten jederzeit, spätestens jedoch bei Jugendlichen nachgeholt werden.

Veröffentlicht: Epidemiologisches Bulletin 3/2020 (PDF, 2 MB, Datei ist nicht barrierefrei)

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/03_20.pdf?__blob=publicationFile


Stand: 16.01.2020
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"HZ-Fälle": HZ = Herpes Zoster, später als Gürtelrose
« Last Edit: January 16, 2020, 10:23:42 AM by Krik »
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Krik

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Re: Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die STIKO, 2019
« Reply #1 on: January 16, 2020, 10:23:03 AM »

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/03_20.pdf?__blob=publicationFile

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AKTUELLE DATEN UND INFORMATIONEN
ZU INFEKTIONSKRANKHEITEN UND PUBLIC HEALTH
3 Epidemiologisches
2020 Bulletin
16. Januar 2020
Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung
durch die STIKOEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
2
Inhalt
Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die STIKO, 2019
3
Die Varizellen-Impfung wird in Deutschland gut umgesetzt und hat zu einem großen Rückgang der Erkran-
kungszahlen und Krankenhausbehandlungen mit Varizellen geführt. Während der größte Effekt bei den
geimpften Kohorten zu verzeichnen ist, treten auch indirekte Effekte des Gemeinschaftsschutzes bei nicht
geimpften Bevölkerungsgruppen auf. Bisher kam es nicht zu einem Anstieg der Inzidenzen im Erwachse-
nenalter. Auch eine Zunahme von Herpes-zoster-Fällen durch die Varizellen-Impfung kann nicht bestätigt
werden. Die hohe Wirksamkeit der Impfung insbesondere nach 2 Impfdosen sowie ein lang anhaltender
Impfschutz sind gut durch Studiendaten belegt. Wie die STIKO ausführt, sieht sie in der Aufrechterhaltung
hoher Varizellen-Impfquoten bzw. der Verbesserung der Impfquoten in den Regionen, in denen die 80 %ige
Durchimpfung der Kinder mit 2 Varizellen-Impfstoffdosen noch nicht erreicht ist, eine hohe Priorität. Fehlen-
de Varizellen-Impfungen sollten jederzeit, spätestens jedoch bei Jugendlichen nachgeholt werden.
Aktuelle Statistik meldepflichtiger Infektionskrankheiten 16
Erkrankungen durch ein neuartiges Coronavirus (2019-nCoV) in Wuhan, China 19
Zur aktuellen Situation bei ARE/Influenza in der 2. KW 2020 20
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die Meinung des Robert Koch-Instituts wider.
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons
Namensnennung 4.0 International Lizenz.
ISSN 2569-5266
Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
3
Evaluation der Varizellen-Impfempfehlung durch die
Ständi­ge Impfkommission (STIKO), 2019
Vorbemerkung
Die Varizellen-Impfung ist seit 2004 von der Ständi-
gen Impfkommission (STIKO) als Standardimpfung
im Kindesalter empfohlen. Im Jahr 2009 sprach die
STIKO die Empfehlung zur zweimaligen Impfung
aus, wobei die erste Impfung vorzugsweise im Alter
von 11 – 14 Monaten und die zweite im Alter von
15 – 23 Monaten erfolgen soll. Zu den Aufgaben der
STIKO gehört neben der Erstellung evidenzbasierter
Empfehlungen auch die kontinuierliche Evaluation
dieser Empfehlungen. Zur Umsetzung und zu den
epidemiologischen Effekten der Varizellen-Impfung
nahm die STIKO erstmals im Jahr 2012/13 Stellung.
Dabei wurde die bestehende Datenlage zusammen-
gefasst und bewertet und es wurden Fragen zu Effek-
ten der Impfung aufgeworfen, die auf Basis der dama-
ligen Datenlage noch nicht beantwortet werden konn-
ten. 1 Aus diesem Grund wurde ein erneuter Evaluati-
onsbericht auf der Grundlage einer kontinuierlichen
Überwachung der Epidemiologie der Varizellen und
des Herpes zoster nach einem Zeitraum von mindes-
tens weiteren fünf Jahren als notwendig angesehen.
Im Folgenden soll ausgehend vom Stand der Umset-
zung der Impfempfehlung auf die in der Evaluation
von 2012/13 offen gebliebenen Fragen detailliert ein-
gegangen werden. Dabei werden die Varizellen-Impf-
quoten in Deutschland sowie aktuell verfügbare Daten
aus nationalen und internationalen Studien zur Epide-
miologie der Varizellen und des Herpes zoster nach
Einführung der Varizellen-Impfung berücksichtigt.
Stand der Umsetzung der Varizellen-
Impfempfehlung
Die Effekte der Varizellen-Impfung auf Bevölke-
rungsebene wurden ab 2005 in Form einer Senti-
nel-Studie mit Hilfe niedergelassener Ärzte in der
Arbeitsgemeinschaft Varizellen (AGV) untersucht.
Dabei zeigten sich sowohl eine Zunahme von ver-
abreichten Varizellen-Impfungen als auch ein
Rückgang der Erkrankungshäufigkeit bei Kindern
und ein Rückgang der Varizellen-assoziierten Kom-
plikationen. 2,3 Auf diese ersten Erfolge bei der Errei-
chung der Impfziele wurde bereits in der ersten
Evaluation hingewiesen. 1
Zur Impfinanspruchnahme liegen Daten aus den
Schuleingangsuntersuchungen (seit 2007 aus eini-
gen und seit 2012 aus allen Bundesländern) und
seit 2004 aus einem Projekt mit Abrechnungs-
daten aus allen Kassenärztlichen Vereinigungen
(KV-Impfsurveillance) vor. Beide Datenquellen zei-
gen einen generellen Anstieg der Impfquoten so-
wohl für die einmalige als auch für die zweimalige
Varizellen-Impfung. 4–8
Mit Hilfe der verfügbaren Daten aus der
KV-Impfsurveillance wurden Impfquoten für alle
Geburtskohorten seit der Varizellen-Impfempfeh-
lung 2004 berechnet. Nach diesen Daten hatte z. B.
weniger als die Hälfte der 2012 geborenen Kinder
bis zum Alter von 12 Monaten die erste Varizel-
len-Impfung erhalten, 87,7 % bis zum Alter von 24
Monaten und 91,3 % bis zum Alter von 36 Monaten.
Die zweite Impfung hatten in derselben Geburtsko-
horte 66,0 % der Kinder bis zum Alter von 24 Mo-
naten und 80,1 % bis 36 Monate bekommen. 6 Mit
Hilfe dieser Daten wurde außerdem untersucht, in-
wieweit die geänderte Impfempfehlung 2011 zur ge-
trennten Gabe von Impfstoffen gegen Masern,
Mumps und Röteln (MMR) und gegen Varizellen
(V) bei erster Impfung Auswirkungen auf die Impf-
inanspruchnahme hat. Dabei wurde bei der Geburts-
kohorte 2011, die zuerst von der geänderten Impf-
empfehlung betroffen war, ein leichter Rückgang der
Impfquote festgestellt, der durch spätere Impfungen
in dieser Kohorte wieder gestoppt wurde und in den
nachfolgenden Kohorten nicht mehr auftrat. 6
Nach Daten der Schuleingangsuntersuchungen
2012 hatten 78,2 % der Kinder eine im Impfpass do-
kumentierte erste Varizellen-Impfung und 67,6 %
auch die zweite Impfung bekommen. 9 Im Jahr 2017
waren dies bereits 87,3 % bzw. 83,7 % der Kinder
mit Impfpass. 8,9 Bei Schuleingang 2017 waren aller-
dings die Impfquoten erstmals im Vergleich zum
Vorjahr wieder abgesunken (um 0,5 Prozentpunkte
für die erste und um 0,6 Prozentpunkte für die
zweite Impfung). Zu beachten ist, dass rund 8 %
der Kinder bei diesen Erhebungen keinen Impfpass
vorlegen konnten und die Impfquoten auf BasisEpidemiologisches Bulletin
Impfquote in %
100
100
100
80
80 80
60
60 60
40
40 40
20
20 20
0 0
0
2012
2012
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16. Januar 2020
2. 2. Varizellenimpfung
1. Varizellenimpfung
1. Varizellenimpfung
2. Varizellenimpfung
1.
Varizellen-Impfung
Varizellen-Impfung
2012 2013
2013
2013 2014
2014
2014 2015
2015
2015 2016
2016
2016 2017
2017
Jahr der Schuleingangsuntersuchung
Abb. 1 | Impfquoten zum Schuleingang nach erster und
zweiter Varizellen-Impfung für Deutschland. Die Fehlerbalken
geben jeweils die Spanne zwischen dem Bundesland mit
kleinstem und größtem Wert an
dieser Daten darum wahrscheinlich eine leichte
Überschätzung darstellen (s. Abb. 1).
Sowohl in den Daten der KV-Impfsurveillance als
auch in den Schuleingangsuntersuchungen finden
sich große regionale Unterschiede der Impfquoten.
Zum Schuleingang 2012 lag die Spannweite zwi-
schen dem Bundesland mit niedrigster (jeweils Bre-
men) und höchster (jeweils Mecklenburg-Vorpom-
mern) Impfquote zwischen 55,2 % und 94,0 % für
die erste Impfung und zwischen 42,6 % und 90,1 %
für die zweite Impfung. Diese Unterschiede haben
sich bis 2017 etwas verringert (niedrigste Werte in
Fälle pro Praxis & Jahr
geimpft
geimpft
ungeimpft
ungeimpft
4
Bremen mit 75,0 %/69,8 % für erste/zweite Imp-
fung und höchste Werte in Mecklenburg-Vorpom-
mern mit 95,1 %/91,3 %). Auch die Impfquoten in Bay-
ern und Sachsen liegen unter dem Bundesdurch-
schnitt, wie auch mit Daten der KV-Impfsurveillance
gezeigt wurde. 6 In Sachsen bestand für die zweite Imp-
fung bis zum Jahr 2015 eine andere Altersempfehlung
(4 – 6 Jahre) durch die Sächsische Impfkommission,
die sich offenbar nicht nur auf eine niedrigere Inan-
spruchnahme der zweiten Impfung, sondern auch der
2017
ersten Impfung im Kleinkindalter ausgewirkt hatte.
Epidemiologie der Varizellen in
Deutschland
Gemäß den Ergebnissen aus der Sentinel-Studie
ging die Gesamtzahl der Erkrankungsfälle an Vari-
zellen pro Meldepraxis und Jahr von 3,6 im Jahr
2005 auf 0,3 im Jahr 2017 beständig zurück (s. Abb.
2). Die Meldungen von Varizellen bei Geimpften
stiegen von 0,02 Fällen pro Praxis im Jahr 2005 auf
0,1 im Jahr 2008 an und gingen zeitgleich nach der
Empfehlung der zweiten Varizellen-Impfung wie-
der auf 0,04 bis 2017 zurück. Der prozentuale An-
teil der geimpften unter allen im Sentinel gemelde-
ten Varizellen-Fällen stieg von 0,7 % im Jahr 2005
auf 15 % im Jahr 2017 an, was vor dem Hintergrund
steigender Impfquoten und sinkender Fallzahlen
auch plausibel ist.
%
Fälle
% geimpfte
geimpfte Fälle
Anteil geimpfter Fälle
4,0
40,0%
3,5
3,0
30,0%
2,5
2,0
20,0%
1,5
1,0
10,0%
0,5
0,0
2005 2006 2007 2008 2009 2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
0,0%
2017 Jahr
Abb. 2 | Varizellen-Fälle pro Praxis und Jahr nach Ungeimpften und Geimpften und Anteil der Geimpften an allen Fällen im
AGV-Sentinel (AGV – Arbeitsgemeinschaft Varizellen)Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
Median 2014 – 2017
2014-2017
Median
5
2018
2018
Bundesländer
MV
SL
ST
BB
RP
NI
HE
NW
TH
SH
HH
BW
BY
BE
HB
SN
D
0
10
20
30
40
50
60
Fälle pro 100.000 Einwohner
Abb. 3 | Varizellen-Inzidenzen nach Bundesland, 2018 und Median der Vorjahre
MV: Mecklenburg-Vorpommern; SL: Saarland; ST: Sachsen-Anhalt; BB: Brandenburg; RP: Rheinland-Pfalz; NI: Niedersachsen;
HE: Hessen; NW: Nordrhein-Westfalen; TH: Thüringen; SH: Schleswig-Holstein; HH: Hamburg; BW: Baden-Württemberg; BY:
Bayern; BE: Berlin; HB: Bremen; SN: Sachsen; D: Deutschland
Seit Ende März 2013 besteht eine bundesweite Mel-
depflicht für Varizellen nach dem Infektionsschutz-
gesetz (IfSG), aus der seit 2014 Daten ausgewertet
werden. Die bundesweite Inzidenz der Varizellen lag
nach diesen Daten für das Jahr 2018 bei 24,7 Erkran-
kungen pro 100.000 Einwohner. Dieser Wert war
leicht niedriger als der Median der Vorjahresinziden-
zen 2014 – 2017 von 27,6. Auch in den meisten Bun-
desländern waren die Inzidenzen im Jahr 2018 nied-
riger als im Median der Vorjahre; die Ausnahme bil-
deten Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und
Thüringen, wo 2018 leicht höhere Inzidenzen als in
den Vorjahren gemeldet wurden. Zwischen den Bun-
desländern bestanden große Inzidenzunterschiede.
Die niedrigste Inzidenz war 2018 in Mecklen-
burg-Vorpommern mit 9,7/100.000 und die höchste
in Sachsen mit 43,3 festgestellt worden (s. Abb. 3). 10
Die regionalen Inzidenzunterschiede scheinen
zwar vor dem Hintergrund der regional unterschied-
lichen Impfquoten plausibel. So lagen z. B. in den
Bundesländern Bremen und Sachsen mit den jeweils
niedrigsten Impfquoten zum Schuleingang die Vari-
zellen-Inzidenzen seit 2014 immer weit über dem
Bundesdurchschnitt und in Mecklenburg-Vorpom-
mern und dem Saarland (höchste Impfquoten) je-
weils weit darunter. Es bleibt aber zu prüfen, welche
Rolle auch ein unterschiedliches Meldeverhalten in
den Bundesländern spielt. Die Untererfassung von
Varizellen-Fällen kann daher zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht sehr präzise eingeschätzt werden.
71 % der nach IfSG übermittelten Erkrankungsfälle
betrafen Kinder im Alter von 0 – 9 Jahren, bei denen
die Inzidenzen je nach Alter zwischen 150/100.000
(2-Jährige) und 235/100.000 (4-Jährige) lagen. Bei den
10- bis 19-Jährigen lag die Inzidenz zwischen 20 und
80 pro 100.000, bei 20- bis 39-Jährigen zwischen 5
und 8 pro 100.000, bei den 40- bis 49-Jährigen unter
4 und ab einem Alter von 50 Jahren unter 2/100.000.
Geschlechtsspezifische Inzidenzunterschiede waren
in allen Altersgruppen nur gering ausgeprägt, wobei
die Gesamtinzidenz bei Jungen und Männern leicht
über der bei Mädchen und Frauen lag.
Die Einführung der Meldepflicht ca. 10 Jahre nach
Impfempfehlung kam zwar zu spät, um den deutli-
chen Rückgang der Varizellen-Inzidenzen zu bele-
gen, der sich bereits in den ersten Jahren nach Impf-
empfehlung gezeigt hatte. Sie dient nun aber zur
weiteren Trendbeobachtung insbesondere hinsicht-
lich der altersspezifischen Varizellen-Inzidenzen.Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
Kommt es zu einer Verschiebung der
Krankheitslast in höhere Altersgruppen?
Die Befürchtung, dass es durch die Varizellen-Imp-
fung von Kindern zu einer Verschiebung der Krank-
heitslast in höhere Altersgruppen mit einem größeren
Risiko für einen komplizierten Krankheitsverlauf
kommen könnte, resultiert aus zwei Überlegungen:
Erstens führt ein erfolgreiches Kinderimpfprogramm
zu einer Reduzierung der Erregerzirkulation, was Un-
geimpfte dann vermehrt erst jenseits des Kindesalters
zum ersten Mal in Kontakt mit dem Virus bringen
könnte. Zweitens könnte ein Nachlassen des Impf-
schutzes bei geimpften Kindern dazu führen, dass sie
als Adoleszente oder junge Erwachsene über keinen
ausreichenden Schutz vor Varizellen mehr verfügen.
Bis zur Evaluation 2012/13 wurde kein Anhaltspunkt
für eine Altersverschiebung der Varizellen-Inziden-
zen in Deutschland gesehen. Allerdings war der Be-
obachtungszeitraum seit Impfempfehlung (insbe-
sondere nach Empfehlung der zweiten Impfung)
erst kurz, an der Sentinelstudie waren anfangs über-
wiegend Pädiater beteiligt und die Daten schienen
für altersspezifische Inzidenzberechnungen bei Er-
wachsenen zu ungenau. Es wurde darum zum einen
die Meldepflicht für Varizellen (erste Ergebnisse
siehe oben) gefordert und zum zweiten angeregt,
potenzielle altersspezifische Effekte der Varizel-
len-Impfung mit Hilfe der mathematischen Model-
lierung zu untersuchen.
Meldeinzidenzänderung
1,0 1 1 1 1 1 1
6
In einer auf Wunsch der STIKO vom Robert Koch-Ins-
titut (RKI) in Auftrag gegebenen Modellierungsstu-
die wurde versucht, die dynamische Transmission
von Varizella-Zoster-Virus (VZV) in der deutschen
Bevölkerung über einen Zeitraum von 100 Jahren
abzubilden. Ziel war es, die Effekte der Varizel-
len-Impfung auf die Varizellen-Inzidenz, auf die
langfristige Altersverteilung der Varizellen-Fälle und
auf die Inzidenz des Herpes zoster im zeitlichen
Verlauf darzustellen. Im Modell kam es hinsichtlich
der altersspezifischen Varizellen-Inzidenzen zu ei-
nem starken Rückgang (um etwa 90 %) bei Kindern
unter 10 Jahren. Dagegen verdoppelten sich die
niedrigen Anfangsinzidenzen bei den Erwachsenen
nahezu, vorwiegend aufgrund von Durchbruchsin-
fektionen. Diese traten im Modell wegen der Annah-
me eines kontinuierlich nachlassenden Impfschut-
zes und fehlender Auffrischung der Immunität
durch fehlenden Kontakt mit dem Varizella-Zos-
ter-Wildvirus von erkrankten Personen auf. 11,12
Die STIKO hatte zu den Ergebnissen der Model-
lierung ausführlich Stellung genommen. 13
Die bis zum Abschluss der Sentinelerhebung im
Jahr 2017 fortgeführten empirischen Auswertungen
der Sentineldaten der AGV (2005 – 2017) sowie der
Meldedaten aus den östlichen Bundesländern
(2002/2009 – 2018) geben weiterhin keinen An-
haltspunkt für eine Altersverschiebung der Varizel-
len-Inzidenzen. 5
Im Sentinel zeigte sich in allen Altersgruppen
ein Rückgang der Meldeinzidenz (s. Abb. 4).
<1J
1-4J
5-9J
10-14J
15-19J
20+J
5-9J
10-14J
15-19J
20+J
15 – 19
J. 20+J
1-4J
<1J
1-4J
1-4J
1-4J
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10-14J
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20+J
20+J
20+J J.
< <1J
1 <1J
J. <1J <1J
1 – 4
J. 1-4J
5 – 9
J. 5-9J
10 – 14
J. 15-19J
20+
0,9
0,9
0,9
0,9
0,9 0,9 0,9
0,8
0,8
0,8
0,8 0,8 0,8
0,7 0,7
0,7
0,7
0,7 0,7 0,7
0,6
0,6
0,6
0,6
0,6 0,6 0,6
0,5 0,5 0,5 0,5 0,5 0,5
0,4
0,4
0,4
0,4
0,4 0,4 0,4
0,3 0,3 0,3
0,3 0,3 0,3
0,2
0,2
0,2
0,2 0,2 0,2
0,1 0,1 0,1
0,1
0,1 0,1 0,1
0 0 0 0 0 0
0,0
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Jahr
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2013
2013
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2014
2014
2014
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2015
2015
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2016
2016
2016
2016
2017
2017
2017
2017
Abb. 4 | Änderung der altersspezifischen Varizellen-Meldeinzidenzen im Sentinel der Arbeitsgemeinschaft Varizellen
im Vergleich zu 2005Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
Er war im Beobachtungszeitraum von 2005 – 2017
in den von der Impfempfehlung erfassten Alters-
gruppen am größten (Rückgang bei den 1- bis 4-Jäh-
rigen um 96 %, bei den 5- bis 9-Jährigen um 89 %).
Der Rückgang der Erkrankungshäufigkeit im Senti-
nel bei Säuglingen im ersten Lebensjahr sowie bei
älteren Kindern und Jugendlichen, die alle jeweils
nicht von der Impfempfehlung direkt betroffen
sind, wurde als Anhaltspunkt für die Ausbildung ei-
nes Gemeinschaftsschutzes interpretiert. Im Ge-
gensatz zu den Altersgruppen jünger als 15 Jahre ist
bei den 15- bis 19-Jährigen seit etwa 2011 und bei den
Erwachsenen seit 2014 die Konsultationsinzidenz
der Varizellen nicht weiter zurückgegangen. Bei den
15- bis 19-Jährigen stieg die Inzidenz 2016 sogar wie-
der leicht an, lag jedoch immer noch 50 % unter
dem Vorimpfniveau. Zu beachten sind hierbei aller-
dings die insgesamt nur sehr kleinen Fallzahlen in
dieser Altersgruppe. So wurden bei den 15- bis
19-Jährigen zwischen 37 (2011) und 60 (2016) Vari-
zellen-Fälle pro Jahr aus Sentinelpraxen gemeldet,
es lagen damit die jährlichen Meldeinzidenzen zwi-
schen 0,06 (2011) und 0,09 (2016) Varizellen-Fällen
pro Praxis. Zum Vergleich wurden z. B. bei den
7
5- bis 9-Jährigen 2.257 (2011) bzw. 1.017 (2016) Fälle
gemeldet und eine jährliche Meldeinzidenz von 3,59
bzw. 1,53 Fällen pro Sentinelpraxis registriert.
In einer Studie, die Seroprävalenzdaten mehrerer
europäischer Länder auswertete, waren mit Hilfe
mathematisch-statistischer Modelle länderspezifi-
sche Schwellenwerte für den Grad der Durchimp-
fung berechnet worden, ab dem Effekte des Gemein-
schaftsschutzes in einem Land erwartet werden kön-
nen. Dieser Schwellwert betrug für Deutschland ca.
80 %. 14,15 Diese Impfquoten werden in Deutschland
mittlerweile erreicht. Mit Hilfe der KV-Daten ließ
sich ein bestehender Gemeinschaftsschutz ebenfalls
belegen: So war das Erkrankungsrisiko für un-
geimpfte Kinder in einer Region mit niedrigen Impf-
quoten deutlich höher als im übrigen Bundesgebiet
mit insgesamt höheren Impfquoten. 15
Die altersspezifischen Inzidenzen der Melde-
pflichtdaten nach IfSG liefern bisher ebenfalls
keinen Anhaltspunkt für eine Zunahme von Vari-
zellen-Erkrankungen in den Erwachsenenalters-
gruppen (s. Abb. 5).
2014
2014
2014
2014
2015
2015
2015
2016
2016
2017
2015
2016
2016
2017
2017
2017
2018
2018
2018
2018
2014
2015
2016
2017
2018
2014
2015
2016
2017
2018
Fälle pro 100.000
350
350
350 350 350
350
300
300
300
300
300
300
250 250
250
250
250
250
200
200
200
200
200
200
150
150
150 150 150
150
100
100
100
100
100
100
50 50 50 50 50
50
0 0 0
0 0 0
0 A00..00
A00..00
A00..00
A00..00
A00..00
1 A01..01
A01..01
A01..01
A01..01
A01..01
2 A02..02
A02..02
A02..02
A02..02
A02..02
3 A03..03
A03..03
A03..03
A03..03
A03..03
4 A04..04
5 – 9
A04..04
A04..04
A04..04 A05..09
A05..09
A05..09
A05..09
A05..09
A04..04
Altersgruppen in Jahren
10 – 14
A10..14
A10..14
A10..14
A10..14
A10..14
2014
2015
2016
2017
2018
2014
2014
2014
2014
2015
2015
2015
2016
2016
2017
2015
2016
2016
2017
2017
2017
2018
2018
2018
2018
2014
2015
2016
2017
2018
Fälle pro 100.000
350
350
35 350 350
35
300
300
300
300
30
30
250 250
250
250
25
25
20
200
200
200
200
20
15 150 150
150
150
15
10
100
100
100
100
10
5 5 50 50 50 50
0
0 0 0 0 0
15 – 19
A15..19
A00..00
A00..00
A00..00
A00..00
20 – 24
A20..24
A01..01
A01..01
A01..01
A01..01
25 – 29
A25..29
A02..02
A02..02
A02..02
A02..02
Altersgruppen
30 – 39
40 – 49
50+
A30..39 A04..04
A40..49 A05..09
A03..03
A03..03
A03..03
A03..03
A04..04
A04..04
A04..04
A05..09
A05..09
A05..09 A50+
A10..14
A10..14
A10..14
A10..14
Abb. 5 | Altersspezifische Varizellen-Inzidenzen nach IfSG-Meldungen
in JahrenEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
Jedoch fällt auch in diesen Daten in den Altersgrup-
pen zwischen 10 und 49 Jahren ein vorübergehen-
der Inzidenzanstieg zwischen den Jahren 2014 und
2016 auf, für den es bisher keine zufriedenstellende
Erklärung gibt. Eine zunehmend bessere Umset-
zung der Meldepflicht hätte sich auch in den jünge-
ren Altersgruppen in steigenden Inzidenzen nieder-
schlagen müssen. Allerdings könnte sich bei den
Kindern auch der Rückgang der Erkrankungshäu-
figkeit insgesamt stärker ausgewirkt haben als die
verbesserte Umsetzung der Meldepflicht. Außer-
dem spielen in dieser Altersgruppe noch häufiger
Ausbrüche in Kitas und Schulen eine Rolle und füh-
ren zu schwankenden Fallzahlen. Inwieweit die
jährlichen Inzidenzunterschiede unterschiedliches
Meldeverhalten, natürliche Schwankungen oder
epidemiologische Unterschiede wiedergeben, wird
gegenwärtig in einem Surveillanceprojekt unter-
sucht. Hier werden altersspezifische Varizellen-In-
zidenzen aus drei Datenquellen retrospektiv vergli-
chen um daraus Trendberechnungen zu ermögli-
chen: Es handelt sich dabei um Daten des AGV-Sen-
tinels (2005 – 2017), IfSG-Meldedaten 2014 – 2018
und Abrechnungsdaten zu Konsultationen bei nie-
dergelassenen Ärzten mit kodierter Varizellen-Dia-
gnose aus der KV-Impfsurveillance (2010 – 2017).
Ziel des Projektes ist es, die Zuverlässigkeit der
IfSG-Daten als Standard-Datenquelle für die Be-
stimmung altersspezifischer Inzidenzen und den
Grad der Untererfassung zu bewerten. Mit den Er-
gebnissen ist im ersten Halbjahr 2020 zu rechnen.
Da nach dem IfSG auch der Tod an Varizellen mel-
depflichtig ist, liegen Meldedaten zu Sterbefällen
vor: Von 2014 – 2018 wurden insgesamt neun Fälle
(zwischen null und drei Fällen pro Jahr) als verstor-
ben übermittelt. Es handelte sich ausschließlich um
Erwachsene, die bis auf zwei Personen (30 und 45
Jahre) alle älter als 55 Jahre waren und zum Teil an
multiplen Grunderkrankungen litten.
Die USA sind das Land mit den längsten Erfahrun-
gen mit einem Varizellen-Impfprogramm. Hier steht
die Varizellen-Impfung aller Kinder bereits seit 1995
im Impfkalender – zunächst mit einer Impfung bei
1-Jährigen Kindern (empfohlenes Impfalter 12 – 18
Monate). Seit 2006 wird die zweite Impfung allen 4-
bis 6-jährigen Kindern empfohlen. Nachdem in den
ersten Jahren nach Einführung des Impfprogramms
bereits ein starker Rückgang der Varizellen-Erkran-
8
kungen zu verzeichnen war (zwischen 1995 und
2000 Rückgang der Fallzahlen je nach Surveillance-
Region um 71 – 84 %), gingen zwischen den Jahren
2005/06 und 2013/14 die altersspezifischen Varizel-
len-Inzidenzen noch einmal in allen Altersgruppen
zurück: um 76,8 % bei <  1-Jährigen, um 48 % bei
1- bis 4-Jährigen, 89,3 % bei 5- bis 9-Jährigen, 84,8 %
bei 10- bis 14-Jährigen, 35,0 % bei 15- bis 19-Jährigen
und 25,0 % bei Personen ≥ 20 Jahren. 16,17
Alle Länder mit einem Varizellen-Impfprogramm be-
richten über einen schnellen Rückgang der Inziden-
zen bei Kindern. Ein Inzidenzrückgang bei Erwach-
senen wurde darüber hinaus bei Hospitalisierungen
wegen Varizellen u. a. aus Kanada, Italien und Aus-
tralien berichtet. 18–20 In Deutschland wurde dagegen
ein starker Rückgang der Hospitalisierungsinziden-
zen nach 2004 nur bei Kindern < 10 Jahren beobach-
tet. In der Altersgruppe 10 – 49 Jahre blieben zwi-
schen 1995 und 2012 die Hospitalisierungsinziden-
zen unverändert bei knapp über 1 pro 100.000 Ein-
wohner. In der Altersgruppe 50 Jahre und älter waren
die Hospitalisierungsinzidenzen über den gesamten
Zeitraum kontinuierlich angestiegen, jedoch auf ei-
nem Niveau von unter 1 Fall pro 100.000 Einwohner.
Nach Einführung der Varizellen-Impfung bei Kin-
dern 2004 hatten sich somit die bestehenden Trends
der Varizellen-Hospitalisierungsinzidenzen bei den
Erwachsenen nicht geändert. 21
Anhand der vorliegenden nationalen und internati-
onalen Surveillance-Daten ergibt sich damit weiter-
hin kein Anhaltspunkt für einen Anstieg der Vari-
zellen-Inzidenz bei Erwachsenen. Das wird auch in
einem kürzlich publizierten systematischen Review
bestätigt. Hier wird in Zusammenfassung der Stu-
dienlage festgestellt, dass sich die Altersverschie-
bung der Varizellen-Fälle nicht bestätigt hat, son-
dern ein genereller Inzidenzrückgang zu verzeich-
nen ist. Darüber hinaus zeigt sich ein indirekter
Schutz durch die Impfung in einem Rückgang der
Inzidenz in den Bevölkerungsgruppen, für die eine
Lebendimpfung nicht möglich ist, wie Säuglinge
und immungeschwächte Personen. 22
Die Surveillancedaten aus Deutschland werden
weiterhin fortlaufend bewertet. Es erschient ange-
zeigt, mit Hilfe der aktuellen Surveillancedaten sowie
mit neueren Studienergebnissen zur Wirksamkeit der
Impfung und zur Dauer des Impfschutzes (s. nächster
Abschnitt) die Parameterschätzungen und AnnahmenEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
für das mathematische Modell zu aktualisieren und
auf dieser Grundlage die Modellierung zu den Effek-
ten der Varizellen-Impfung erneut durchzuführen.
Wie wirksam ist die Impfung und wie
lange hält der Impfschutz nach zwei
Impfdosen an?
In der Evaluation 2012/13 war der Zeitraum seit Emp-
fehlung der zweimaligen Varizellen-Impfung für
Trendanalysen aus den Surveillancedaten für
Deutschland noch zu kurz. Nach Vorliegen der Mo-
dellergebnisse über den möglichen Impact der Va-
rizellen-Impfung auf die Epidemiologie der Varizel-
len und des Herpes zoster in Deutschland (s. o.) hatte
die STIKO in ihrer Stellungnahme gefordert, dass
neben der Inzidenzerfassung durch die Melde-
pflicht nach dem IfSG auch die Impfeffektivität in
Deutschland sowie die Häufigkeit und Schwere von
Durchbruchserkrankungen systematisch erfasst
und bewertet werden.
Daraufhin wurden die Sentineldaten sowohl hin-
sichtlich der laboruntersuchten Durchbruchser-
krankungen (definiert als Varizellen-Erkrankung ab
42 Tage nach Impfung) als auch hinsichtlich der zu-
sätzlichen Wirksamkeit der zweiten Impfung ausge-
wertet. Außerdem wurden mit Hilfe der Daten aus
der KV-Impfsurveillance die Impfeffektivität nach
einer und zwei Impfdosen sowie die Dauer des
Impfschutzes berechnet.
Im Sentinel waren von April 2005 bis März 2014 unter
den insgesamt gemeldeten 111.456 Varizellen-Erkran-
kungen 4.789 Erkrankungen bei Geimpften; von die-
sen waren 3.881 Personen einmal und 908 Personen
zweimal vor der Erkrankung gegen Varizellen geimpft
worden. Von 932 Personen (649 einmal geimpft; 283
zweimal geimpft) mit Varizellen-Durchbruchserkran-
kungen wurden Pustelabstriche im RKI mittels PCR
untersucht. Bei insgesamt 62,3 % der Untersuchten
wurde Varizella-Zoster-Virus (VZV) nachgewiesen.
Die Nachweisrate unterschied sich deutlich zwischen
einmal und zweimal Geimpften: Während bei 70 %
der zweimal Geimpften kein VZV in der PCR nachge-
wiesen wurde, war dies nur bei 23 % der einmal
Geimpften der Fall. Als mögliche Erklärung für die
hohe Rate negativer PCR-Ergebnisse wurde in Be-
tracht gezogen, dass es sich a) nicht um Varizellen,
sondern andere exanthematische Erkrankungen ge-
9
handelt haben könnte und dass b) das VZV nur über
einen so kurzen Zeitraum vorhanden war, dass der
Abstrich zu spät kam; die Patienten waren damit aber
wohl auch kaum bzw. nur über einen kurzen Zeit-
raum ansteckend. Es wurde daraus gefolgert, dass Va-
rizellen bei Geimpften – insbesondere nach zweima-
liger Impfung – zur Bestätigung der klinischen Ver-
dachtsdiagnose eine Laboruntersuchung benötigen. 23
Ähnliche Beobachtungen wurden in den USA ge-
macht, wo in Ausbruchsuntersuchungen in Schu-
len negative PCR-Testergebnisse bei trotz Impfung
erkrankten Schülern vorlagen. 24
Die Sentineldaten wurden außerdem für die Be-
rechnung der Impfeffektivität bei einmal und zwei-
mal geimpften Kindern nach der Screeningmetho-
de genutzt, bei der der Anteil der Geimpften unter
den Erkrankten mit dem Anteil der Geimpften in
der Bevölkerung verglichen wird. In die Analyse
gingen der Anteil der geimpften 1- bis 4-Jährigen
Kinder unter den Erkrankten 1- bis 4-Jährigen aus
den Sentinelmeldungen 2009 – 2014 und der Anteil
der Geimpften unter allen Kindern der jeweiligen
Altersgruppe (Impfquote) aus dem selben Zeitraum
aus KV-Daten ein. Die Impfeffektivität nach einma-
liger Impfung lag in dieser Studie bei 86,6 % (95 %
KI: 85,2 % – 87,9 %) und nach zweimaliger Impfung
bei 97,3 % (95 % KI: 97,0 % – 97,6 %). In den quar-
talsweisen Berechnungen zeigte die Impfeffektivität
nach zwei Impfungen nur geringe Schwankungen
und lag – mit einer Ausnahme (91,3 %, 95 % KI:
85,7 % – 94,8 % im 3. Quartal 2013) – beständig über
95 %. Es wurde festgestellt, dass die Schutzwirkung
gegen Varizellen nach zwei Impfungen im Ver-
gleich zu einer Impfung um 84,6 % höher ist (in-
krementelle Impfeffektivität). Aus den Ergebnissen
wurde gefolgert, dass die Empfehlung der frühen
zweiten Impfung in Deutschland nicht die Impfef-
fektivität beeinträchtigt. 25
Mit Hilfe der KV-Daten wurde ebenfalls die Impfef-
fektivität nach einer und nach zwei Impfungen so-
wie die Dauer des Impfschutzes berechnet (s. Tab. 1).
Auch danach war die Impfeffektivität nach zwei
Impfungen deutlich höher als nach einer Impfung.
Die Auswertungen bestätigten außerdem die hohe
Schutzwirkung der Impfung gegenüber Komplikati-
onen der Varizellen-Erkrankung bereits nach einer
Impfung. Es wurde zudem gezeigt, dass die Wirk-Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
Impfeffektivität
16. Januar 2020
10
1. Impfung (95 % KI) 2. Impfung (95 % KI)
Gegen jegliche Varizellen-Erkrankung 81,9 % (81,4 % – 82,5 %) 94,4 % (94,2 % – 94,6 %)
Gegen Varizellen ohne Komplikationen 65,3 % (64,2 % – 66,4 %) 89,3 % (89,0 % – 89,7 %)
Gegen Varizellen mit Komplikationen 98,2 % (98,0 % – 98,5 %) 99,5 % (99,4 % – 99,5 %)
1. Varizellen-Impfung im Zeitraum < 28 Tage
nach MMR-Impfung 32,2 % (10,4 % – 48,6 %) ( ≥ 28 Tage nach 1. Impfung)
92,8 % (84,8 % – 96,6 %)
1. Varizellen-Impfung simultan oder ≥ 28 Tage 80,9 % (80,2 % – 81,5 %) 94,1 % (93,9 % – 94,3 %)
nach MMR-Impfung
Tab. 1 | Effektivität der Varizellen-Impfung, Daten der KV-Impfsurveillance 2006 – 2015
samkeit der Impfung eingeschränkt bleibt, wenn der
Mindestabstand von vier Wochen zur MMR-Impfung
nicht eingehalten wird (gilt nicht bei gleichzeitiger
Gabe mit der MMR-Impfung). Außerdem wurde die
Dauer des Impfschutzes untersucht und festgestellt,
dass der Impfschutz nach zwei Impfungen über min-
destens acht Jahre unvermindert (> 92 %) anhält. 15
Die internationaIe Studienlage zur Wirksamkeit
der Impfung und Dauer des Impfschutzes hat sich
seit der Evaluation von 2012/13 weiter verbessert.
Aus mehreren Ländern liegen indessen Anwen-
dungserfahrungen mit Varizellen-Impfempfehlun-
gen vor. Eine Zusammenfassung der weltweiten Er-
fahrungen mit der Varizellen-Impfung wurde vom
ECDC (European Centre for Disease Prevention and
Control) in einer internationalen Arbeitsgruppe er-
arbeitet und im Jahr 2015 publiziert: www.ecdc.eu-
ropa.eu/sites/default/files/media/en/publications/
Publications/Varicella-Guidance-2015.pdf
Des Weiteren wurde in einem systematischen Review
eine Meta-Analyse publizierter Studiendaten zur
impfstoffspezifischen und dosisabhängigen Wirk-
samkeit der Varizellen-Impfung vorgenommen. Dar-
in wurde zusammenfassend festgestellt, dass unab-
hängig vom verwendeten Impfstoff eine Varizel-
len-Impfdosis nur eine moderate Wirksamkeit bezüg-
lich der Verhinderung von Varizellen-Fällen jeglichen
Schweregrades aufweist, jedoch schon sehr wirksam
vor schweren Verläufen der Varizellen-Erkrankung
schützt. Die zweite Impfdosis verbessert die Wirk-
samkeit gegenüber Varizellen-Erkrankungen jegli-
chen Schweregrades, da sie die Infektion mit dem
Wildvirus besser verhindert. 26
Die Persistenz VZV-spezifischer Antikörper nach
Impfung wurde in einer Phase 3 Follow-up-Studie
zur Wirksamkeit und Schutzdauer von Varizel-
len-Kombinations- und monovalenten Impfstoffen
der Firma GSK untersucht. Die Ergebnisse zeigten
über den Beobachtungszeitraum von sechs Jahren
eine konstant hohe Seropositivrate bei Geimpften,
die im Vergleich zur ungeimpften Kontrollgruppe
erwartungsgemäß höher lag. Dabei wird von einer
höheren Rate Seropositiver und höheren VZV-Anti-
körperkonzentrationen bei zweimal Geimpften im
Vergleich zu einmal Geimpften berichtet. 27
Nach IfSG-Meldedaten nahm der Anteil der
Geimpften unter den Erkrankten von 14 % (2014)
auf 17 % (2018) leicht zu, was auf einen Anstieg des
Anteils zweimal Geimpfter zurückzuführen war:
Von 2014 – 2016 waren jeweils 5 % der Fälle mit be-
kanntem Impfstatus und auswertbaren Angaben
zur Anzahl und zum Zeitpunkt der Impfung voll-
ständig, d. h. mindestens zweimal geimpft. Im Jahr
2017 waren dies 7 % und 8 % im Jahr 2018. Dieser
relative Anstieg ist vor dem Hintergrund gestiege-
ner Impfquoten und niedrigerer Inzidenzen im
Vergleich zu den Vorjahren plausibel und deutet
nicht auf einen nachlassenden Impfschutz hin.
Die Fälle waren in der Regel ausschließlich kli-
nisch diagnostiziert (keine Laborbestätigungen)
und es lagen keine Angaben zum Schweregrad der
Erkrankung vor. Auch aus diesen Ergebnissen lässt
sich ein dringender Bedarf für Laboruntersuchun-
gen bei geimpften Patienten mit Verdacht auf
Varizellen zur Bestätigung der klinischen Ver-
dachtsdiagnose ableiten.
Welche Auswirkung hat die Varizellen-
Impfung auf die Inzidenz von Herpes
zoster?
Ein negativer Einfluss der Varizellen-Impfung auf
die Inzidenz von Herpes zoster wurde in Modellie-
rungsstudien gefunden, die als wesentliche Annahme
die sog. Boosting-Hypothese einbezogen hatten. 28
Danach sorgt der wiederholte Kontakt zum Varizella-
Zoster-Virus (VZV) für eine Auffrischung der Im-
munität, die die Virus-Reaktivierung zum HerpesEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
zoster verhindert. Da die Varizellen-Impfung zu ei-
nem Rückgang der VZV-Zirkulation und damit zu
weniger Exposition gegenüber exogenem VZV
führt, würde dieser natürliche Boostereffekt wegfal-
len und es müssten folglich mehr Herpes-zoster-Er-
krankungen auftreten. Ein gewisser Boostereffekt
kann individuell auftreten. 29 Dieser Effekt wurde
bisher auf Bevölkerungsebene ausschließlich in
Modellierungsstudien gezeigt, die in ihren Annah-
men bereits vom Vorhandensein dieses Effekts aus-
gingen, er ließ sich jedoch mit Surveillancedaten
nicht belegen. In Ländern mit einer Impfempfeh-
lung gegen Varizellen wurde zwar ein Anstieg der
Herpes-zoster-Inzidenzen beobachtet. Dieser Trend
begann jedoch bereits vor der Einführung der Vari-
zellen-Impfung und wurde durch diese nicht nach-
weisbar beschleunigt. In einer systematischen
Übersichtsarbeit wurden 12 epidemiologische Stu-
dien zusammengetragen, in denen Daten zur Häu-
figkeit der Varizellen und des Zoster sowohl vor als
auch nach Einführung der Varizellen-Impfung aus-
gewertet wurden. In einer Metaanalyse von sechs
eingeschlossenen Studien, in denen ein Effekt der
Impfung auf die Häufigkeit der Varizellen gefunden
wurde, konnte kein Zusammenhang mit der Häu-
figkeit des Herpes zoster festgestellt werden. 30
In der o. g. Modellierungsstudie über den Einfluss
der Varizellen-Impfung in Deutschland zeigte sich
unter der Annahme, dass jeder Kontakt zu VZV zu
einer 60 Jahre anhaltenden Auffrischung der Im-
munität führt, ein Anstieg der Herpes-zoster-Inzi-
denzen über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren. In
den Sensitivitätsanalysen zu diesem Modell wurde
diese Annahme variiert: Sowohl bei Annahme einer
kürzeren Schutzdauer nach Kontakt als auch bei der
Annahme, dass nur etwa 20 % der Kontakte zu ei-
ner Auffrischung der Immunität führen, trat kein
Anstieg der Herpes-zoster-Fälle im Modell auf. 12
Im Modell ging langfristig außerdem die Inzidenz
des Herpes zoster unter die Werte vor Einführung
der Varizellen-Impfung zurück, wenn die geimpften
Kohorten das Alter mit höherem Zoster-Risiko errei-
chen (über 50 Jahre). Dem lag die Annahme eines
niedrigeren Risikos für einen Herpes zoster bei ge-
gen Varizellen Geimpften im Vergleich zu Un-
geimpften zugrunde. In mehreren Analysen sowohl
von Surveillance- als auch von Versichertendaten
aus den USA war festgestellt worden, dass Herpes
11
zoster bei gegen Varizellen geimpften Kindern we-
niger häufig auftrat als bei ungeimpften Kindern. 31–33
In einer kürzlich publizierten Arbeit aus den USA
wurde mit Hilfe von Versichertendaten von rund
6,4 Millionen Kindern dieser Zusammenhang in ei-
nem Beobachtungszeitraum bis zu sechs Jahre nach
Impfung ebenfalls gezeigt. Nur die Herpes-zoster-
Inzidenz bei Kindern, die mit 11 Monaten ihre erste
Varizellen-Impfung bekommen hatten, war höher
als bei ungeimpften Kindern, beruhte allerdings auf
sehr kleinen Fallzahlen. 33
Trendanalysen aus den Sentineldaten der AGV von
2005 – 2016 zeigten ebenfalls einen leichten Rückgang
der Inzidenz des Herpes zoster bei den Alterskohor-
ten, für die die Varizellen-Impfempfehlung bestand. 34
In den Sentineldaten aus Deutschland wurde ein ge-
nereller Anstieg der Herpes-zoster-Inzidenz bei Er-
wachsenen (außer in der Altersgruppe 30 – 39 J.) be-
obachtet. Allerdings konnte kein Vergleich zur Vor-
impfära gezogen werden. Mit den Daten der Hospi-
talstatistik ließ sich dagegen der Anstieg der
Zoster-Inzidenzen in Deutschland bereits vor der
Varizellen-Impfempfehlung belegen. 21
Seit Dezember 2018 empfiehlt die STIKO die Imp-
fung gegen Herpes zoster mit einem adjuvantierten
Totimpfstoff für alle Personen ab 60 Jahre sowie für
Personen mit definierter Indikation ab 50 Jahren. 35
Der Einfluss der Zoster-Impfung auf die Epidemiolo-
gie des Herpes zoster muss ebenfalls beobachtet und
bewertet werden.
Entsprechend der bereits zuvor genannten Anre-
gung, das Modell über die Auswirkungen der Vari-
zellen-Impfung mit den jetzt zur Verfügung stehen-
den Daten zu aktualisieren, sollte in den Modellan-
nahmen auch berücksichtigt werden, dass auf der
Bevölkerungsebene der Rückgang der Varizellen-
Erkrankungen durch Impfung keinen nachweisba-
ren Einfluss auf die Epidemiologie des Herpes zoster
hat und es sollten im Modell die Auswirkungen der
Herpes-zoster-Impfung mit berücksichtigt werden.
Wie entwickelt sich die Seroepidemiologie
für VZV im weiteren Verlauf?
Die Beobachtung des altersspezifischen Immunsta-
tus trägt dazu bei, die Veränderung von Seroprävalen-
zen im Zeitverlauf festzustellen und ggf. ZielgruppenEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
für eine Varizellen-Indikations- bzw. Catch-up-Imp-
fung zu identifizieren. Basisdaten zur VZV-Seroprä-
valenz bei Kindern und Jugendlichen aus der Vorimpf-
ära liegen aus dem Kinder- und Jugend-Gesundheits-
survey 2003 – 2006 vor (KiGGS-Basis). Danach wa-
ren 80 % der ungeimpften Kinder und Jugendlichen
im Alter von 1 – 17 Jahren seropositiv. 36 Die Seropositi-
venrate unterschied sich nach Alter und stieg von
12 % bei Einjährigen auf 85,7 % bei 6-Jährigen an, er-
reichte mehr als 90 % bei den 9-Jährigen und rund
95 % ab einem Alter von 15 Jahren. Diese Daten zeig-
ten ein ähnliches Bild wie seroepidemiologische Un-
tersuchungen bei Kindern und Jugendlichen in
Deutschland aus den 1990er Jahren. 37
Die Daten aus der Vorimpfära dienen als Quer-
schnittsvergleich zu Seroprävalenzuntersuchungen
bei ungeimpften Kindern nach Einführung der
Impfung. Hierzu liegen indessen Seroprävalenz-
daten aus KiGGS Welle 2 bei Kindern von 3 – 17 Jah-
ren vor. Die Auswertungen hierzu wurden jedoch
erst begonnen und Ergebnisse stehen noch aus. Die
Entwicklung des nicht-immunen adoleszenten Be-
völkerungsanteils wird hierbei aufmerksam und
langfristig verfolgt werden müssen, um gegebenen-
falls geeignete Interventionsmaßnahmen (z. B.
Catch-up-Impfungen, Impfempfehlungen im Aus-
bruchsfall) zu implementieren.
Bisher existieren nur vereinzelte Seropävalenzstu-
dien nach Impfeinführung aus anderen Ländern,
die ein widersprüchliches Bild ergeben. Eine Sero-
prävalenzstudie bei Blutspendern in einer Region in
Italien, in der seit 2005 Kinder gegen Varizellen
geimpft werden, fand keine Änderung der VZV-Sero-
prävalenz bei Erwachsenen sechs Jahre nach Einfüh-
rung der Kinderimpfung im Vergleich zur Vorimpfära.
Mit knapp über 90 % bei den 18- bis 35-Jährigen,
94 % bei 36- bis 45-Jährigen und ca. 95 % und mehr
erst ab einem Alter von 45 Jahren unterscheidet sich
die Seroprävalenz bei Erwachsenen allerdings von
der in Deutschland vor Impfeinführung, wo die Se-
ropositivenrate bereits bei den 10- bis 11-Jährigen
94,2 % und ab 40 Jahre 99 % erreichte. 37–39
Untersuchungsergebnisse in geimpften Popula-
tionen liegen aus den USA vor. Untersuchungen in
der US-Army zeigten, dass Rekruten, die während
der Kindheit ab dem Jahr 1995 gegen Varizellen
geimpft worden waren, zu 24 % weniger seropositiv
waren als solche, die wegen anamnestischer Varizel-
len keine Impfung erhalten hatten. Die Wahrschein-
12
lichkeit der Seropositivität verminderte sich bei den
Geimpften um 8 % für jedes Jahr seit Impfung. 39
Diese Daten unterstreichen die Notwendigkeit einer
langfristigen seroepidemiologischen Surveillance
von nationalen Varizellen-Impfprogrammen.
Unterscheiden sich die verfügbaren Impf-
stoffe in ihrer Wirksamkeit und Sicherheit?
Hinweise über evtl. bestehende Unterschiede in der
Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe zeigten sich
lediglich punktuell nach einmaliger Impfung und wa-
ren meist nicht signifikant. 26,40 Im bereits oben er-
wähnten Review wurde zudem herausgearbeitet, dass
alle Impfstoffe schon nach einer Impfdosis wirksam
vor schweren Verläufen der Varizellen schützen. Impf-
stoffspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit wur-
den nach zwei Impfungen nicht mehr beobachtet. 15,26
Wegen Hinweisen auf eine erhöhte Fieberkrampfra-
te nach Erstimpfung von Kleinkindern mit MMRV-
Kombinationsimpfstoff empfiehlt die STIKO seit
2011 zur ersten Impfung präferentiell mono-
valenten Varizellen-Impfstoff gleichzeitig zur
MMR-Impfung zu verabreichen. Die STIKO-Emp-
fehlung zur getrennten Gabe von MMR+V wird
weitgehend umgesetzt und hat nur temporär in der
Geburtskohorte, in der die Empfehlung erstmalig aus-
gesprochen wurde, zu einem leichten Rückgang bzw.
zur Stagnation des Anstiegs der Impfquote geführt;
fehlende Impfungen wurden weitgehend nachgeholt. 6
Zur Reaktivierungsrate der Impfviren als Ursache
eines klinischen Herpes zoster liegen bisher nur
Fallberichte bei immmunsupprimierten aber auch
immunkompetenten Kindern vor, die zeigen, dass
Impfviren eine geringere Tendenz zur Reaktivie-
rung aufweisen als Wildviren und dass ein impfas-
soziierter Herpes zoster milder verläuft als ein Zos-
ter durch Wildviren. 41–44
Bisher liegen noch keine eindeutigen Untersu-
chungsergebnisse darüber vor, ob sich die Reaktivie-
rungsrate der Impfviren, die in unterschiedlichen
Impfstoffen in unterschiedlicher Konzentration vor-
liegen, bezüglich ihrer Fähigkeit zur Reaktivierung
und Virulenz unterscheiden. Die bisherigen Daten
unterstreichen jedoch die Notwendigkeit, bei einem
klinischen Verdacht für Zoster bei gegebener Impf-
anamnese eine molekularvirologische Abklärung be-
züglich des Vorliegens des Impfvirus anzustreben.Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
Zusammenfassung
Die Varizellen-Impfung wird in Deutschland gut
umgesetzt und hat zu einem großen Rückgang der
Erkrankungszahlen und Krankenhausbehandlun-
gen mit Varizellen geführt. Während der größte Ef-
fekt bei den geimpften Kohorten zu verzeichnen ist,
treten auch indirekte Effekte des Gemeinschafts-
schutzes bei nicht geimpften Bevölkerungsgruppen
auf. Bisher kam es nicht zu einem Anstieg der Inzi-
denzen im Erwachsenenalter. Auch eine Zunahme
von Herpes-zoster-Fällen durch die Varizellen-Imp-
fung kann nicht bestätigt werden. Die hohe Wirk-
samkeit der Impfung insbesondere nach 2 Impfdo-
sen sowie ein lang anhaltender Impfschutz sind in-
dessen gut durch Studiendaten belegt. Die STIKO
sieht in der Aufrechterhaltung hoher Varizel-
len-Impfquoten bzw. der Verbesserung der Impf-
quoten in den Regionen, wo die 80 %ige Durchimp-
fung der Kinder mit 2 Varizellen-Impfstoffdosen
noch nicht erreicht ist, eine hohe Priorität. Fehlende
Varizellen-Impfungen sollten jederzeit, spätestens
jedoch bei Jugendlichen nachgeholt werden.
Die vergleichende Datenauswertung mehrerer un-
abhängiger Datenquellen wird weitere Auskunft
über die Qualität und Aussagekraft der Melde-
pflichtdaten geben, mit denen die Surveillance der
Varizellen-Epidemiologie fortgeführt wird. Weitere
Anstrengungen zur Aufrechterhaltung hoher Impf-
quoten und zeitgerechter Impfungen sind insbe-
sondere vor dem Hintergrund von Impfstoffliefer-
engpässen und der Einführung einer partiellen
Impfpflicht gegen Masern notwendig. Die Auswer-
tung der seroepidemiologischen Daten wird zusätz-
liche Informationen über die Immunitätslage bei
Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach
Einführung der Varizellen-Impfung ergeben.
Vor dem Hintergrund der bisherigen positiven epi-
demiologischen Entwicklung und der Entwicklung
der Impfquoten sieht die STIKO gegenwärtig keine
Notwendigkeit, die Varizellen-Impfempfehlung zu
ändern. Die STIKO wird den Stand der Umsetzung
erneut in etwa fünf Jahren evaluieren. Bis dahin
sieht die STIKO folgenden Handlungsbedarf:
13
1.    Der Einfluss der Impfungen gegen Varizellen
und Herpes zoster auf die Epidemiologie der
Erkrankungen und die Akzeptanz und Umset-
zung der Impfungen müssen fortlaufend beob-
achtet werden. Während die Meldepflicht nach
IfSG für Varizellen etabliert ist und Impfquoten
für Varizellen und Herpes zoster mit Hilfe der
KV-Impfsurveillance routinemäßig ermittelt
werden, gelten für die Surveillance des Herpes
zoster nur landesspezifische Meldeverordnun-
gen in Sachsen und Brandenburg. Darum müs-
sen bez. der Überwachung des Herpes zoster
geeignete andere Datenquellen (wie z. B. Sekun-
därdaten durch die KV-Impfsurveillance oder
von Krankenkassen) für die Surveillance ge-
nutzt werden.
2.    Die Surveillance von Varizellen bzw. Herpes
zoster bei geimpften Personen ist insbesondere
verbesserungswürdig und bedarf zwingend La-
boruntersuchungen zur Diagnosesicherung.
Die Diagnostik muss mittels PCR von Pustelab-
strichen erfolgen. Eine serologische Abklärung
ist nicht aussagekräftig. Nur mit molekularge-
netischen Untersuchungen ist es außerdem
möglich eine Unterscheidung zwischen Impf-
und Wildvirus-Infektionen zu treffen.
3.    Eine Aktualisierung des Modells der Auswirkun-
gen der Varizellen- (und Herpes zoster-) Imp-
fung auf die Epidemiologie der Varizellen und
des Herpes zoster in Deutschland wird angeregt.
4.    Seroepidemiologische Untersuchungen sind für
die Erfassung mittel- und langfristiger Entwick-
lungen der Bevölkerungsimmunität in allen Al-
tersgruppen wiederholt durchzuführen.Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
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Vorgeschlagene Zitierweise
Ständige Impfkommission: Evaluation der Varizellen-
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Epid Bull 2020;3:3 – 15 | DOI 10.25646/6453
Interessenkonflikt
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt
besteht.Epidemiologisches Bulletin
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16
Aktuelle Statistik meldepflichtiger Infektionskrankheiten
52. Woche 2019 (Datenstand: 15. Januar 2020)
Ausgewählte gastrointestinale Infektionen   
Campylobacter-­
Enteritis
2019
52.
Salmonellose
2018
2019
1.–52. 1.–52.
52.
EHEC-Enteritis
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
Norovirus-­
Gastroenteritis
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
Rotavirus-­
Gastroenteritis
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
2018
1.–52.
1.–52.
Baden-­
Württemberg 37 5.073 6.460 17 1.475 1.616 1 235 265 53 5.764 5.060 4 1.585 936
Bayern 35 7.595 8.341 10 1.793 1.967 2 244 321 155 9.938 8.900 13 3.678 2.010
Berlin 17 2.727 2.851 5 539 506 1 94 109 67 3.784 3.812 2 3.128 1.236
Brandenburg 11 2.082 2.173 3 450 438 0 57 87 53 3.792 3.912 2 3.879 1.322
5 450 518 0 60 82 0 6 12 3 331 463 0 174 98
Bremen
Hamburg
5 1.780 1.788 2 316 340 0 52 52 15 1.564 1.876 1 1.196 703
14 4.171 4.682 7 1.006 787 1 63 59 38 4.448 3.487 1 1.541 821
Mecklenburg-­
Vorpommern 7 1.741 1.924 1 394 334 1 45 39 43 3.170 3.800 1 1.582 1.089
Niedersachsen 34 5.221 5.760 9 1.288 1.204 3 211 268 74 6.083 6.004 10 3.557 1.377
Nordrhein-­
Westfalen 90 14.646 16.258 13 2.832 2.700 4 342 364 200 15.496 15.072 16 4.560 2.971
Rheinland-­Pfalz 21 3.671 4.101 3 791 934 0 148 151 35 4.248 4.055 0 1.145 634
Saarland 4 1.078 1.279 1 148 211 0 12 10 4 846 1.071 1 329 154
Sachsen 23 4.928 5.340 4 857 909 3 131 206 130 8.119 7.845 13 4.658 5.080
Sachsen-­Anhalt 16 1.739 1.765 5 555 534 1 92 120 69 4.664 5.218 4 2.054 1.687
Schleswig-­
Holstein 13 2.288 2.470 3 350 362 0 75 91 22 1.813 2.258 7 1.144 769
17 2.125 2.217 7 780 613 0 54 74 50 4.227 4.794 3 2.605 2.715
90 13.636 13.539 17 1.862 2.228
Hessen
Thüringen
Deutschland
349 61.321 67.934
1.011 78.301 77.637
78 36.817 23.605
Ausgewählte Virushepatitiden und respiratorisch übertragene Krankheiten
Hepatitis A Hepatitis B Hepatitis C Tuberkulose
2019 2019 2019 2019
52.
2018
1.–52.
1.–52.
52.
2018
1.–52.
1.–52.
52.
2018
1.–52.
1.–52.
52.
Influenza
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
2018
1.–52.
1.–52.
Baden-­
Württemberg 0 69 76 10 1.063 788 7 1.142 966 4 589 656 85 14.109 23.539
Bayern 1 97 111 8 1.427 1.302 6 1.078 1.150 7 731 854 160 22.983 43.773
Berlin 0 84 91 6 411 215 4 356 295 4 359 397 57
5.882 11.477
Brandenburg 0 38 37 0 103 69 1 77 88 1 97 162 30
5.599 10.251
Bremen 0 10 8 0 87 33 0 65 49 1 57 55 3
396
562
Hamburg 0 40 25 0 57 68 2 145 143 0 199 181 34
4.648
9.403
Hessen 1 71 119 10 679 425 5 578 498 3 539 626 65
6.668 10.809
Mecklenburg-­
Vorpommern 0 21 25 0 54 23 2 56 51 1 45 82 27
6.015 11.711
Niedersachsen 0 65 80 4 411 147 9 636 454 1 353 426 44
8.595 12.649
Nordrhein-­
Westfalen 2 221 301 10 1.080 588 7 1.482 1.322 2 1.064 1.223 Rheinland-­Pfalz 0 43 49 3 363 367 1 275 258 0 195 230 20
Saarland 0 14 14 0 56 29 1 61 34 1 40 54 10
Sachsen 1 31 27 7 169 233 4 214 199 1 142 174 50 18.836 38.317
Sachsen-­Anhalt 1 13 21 1 85 55 0 112 89 0 124 166 23 11.008 25.220
Schleswig-­
Holstein 0 23 38 3 263 139 3 283 232 2 130 129 44
4.369
Thüringen 0 34 22 0 77 21 1 71 71 0 67 97 14
6.344 16.577
Deutschland 6 874 1.044 62 6.386 4.503 53 6.633 5.899 28 4.735 5.513
103 21.473 35.688
6.978 13.871
561
1.595
8.821
769 144.480 274.293
Allgemeiner Hinweis: LK Teltow-Fläming und das Zentrum für tuberkulosekranke und -gefährdete Menschen in Berlin verwenden veraltete
Softwareversionen, die nicht gemäß den aktuellen Falldefinitionen des RKI gemäß § 11 Abs. 2 IfSG bewerten und übermitteln.Epidemiologisches Bulletin
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Ausgewählte impfpräventable Krankheiten
Masern
2019
52.
Mumps
2018
1.–52.
2019
1.–52.
52.
Röteln
2018
1.–52.
2019
1.–52.
52.
Keuchhusten
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
Windpocken
2018
1.–52. 1.–52.
2019
52.
2018
1.–52. 1.–52.
Baden-­
Württemberg 0 73 89 0 62 54 0 0 0 2 866 1.067 44 3.759 3.602
Bayern 0 75 108 3 160 139 0 2 2 17 2.518 2.732 43 5.200 4.452
Berlin 0 22 30 2 38 14 0 3 2 1 405 510 2 1.466 1.274
Brandenburg 0 2 12 0 12 5 0 0 0 2 364 606 2 625 365
Bremen 0 1 2 0 8 5 0 0 0 1 74 88 0 242 252
Hamburg 0 18 14 0 14 18 0 1 0 0 324 365 7 529 407
Hessen 1 28 26 0 42 45 0 1 0 2 606 753 4 1.193 1.032
Mecklenburg-­
Vorpommern 0 0 1 0 3 6 0 0 0 2 363 264 2 201 156
Niedersachsen 0 90 18 1 41 54 0 2 0 1 453 684 12 1.469 1.313
Nordrhein-­
Westfalen 0 135 211 0 109 104 0 7 8 6 1.699 2.282 21 4.076 3.681
Rheinland-­Pfalz 0 38 9 0 43 32 0 0 0 1 394 540 6 711 664
Saarland 0 0 0 0 3 7 0 1 0 0 58 116 0 119 101
Sachsen 0 16 8 0 12 7 0 0 2 1 775 873 8 1.786 1.768
Sachsen-­Anhalt 0 5 10 0 7 7 0 0 0 1 499 823 3 247 300
Schleswig-­
Holstein 0 6 5 0 32 30 0 1 2 1 216 408 6 640 633
Thüringen 0 5 1 0 4 7 0 0 0 0 532 803 3 360 450
Deutschland 1 514 544 6 590 534 0 18 16
38 10.147 12.916
163 22.628 20.455
Erreger mit Antibiotikaresistenz und Clostridioides-difficile-Erkankung
Acinetobacter-­ Infektion
oder ­-Kolonisation
(Acinetobacter mit
Carbapenem-­
Nichtempfindlichkeit 1 )
2019
52.
Enterobacteriaceae-­
Infektion oder
-Kolonisation
(Enterobacteriaceae
mit Carbapenem-­
Nichtempfindlichkeit 1 )
2018
1.–52.
2019
1.–52.
52.
Clostridioides-­difficile-
Erkankung, ­
schwere ­Verlaufsform
2018
1.–52.
1.–52.
2019
52.
Methicillin-resistenter
Staphylococcus aureus
(MRSA), ­
invasive Infektion
2018
1.–52.
2019
1.–52.
52.
2018
1.–52.
1.–52.
Baden-­Württemberg 1 79 65 8 493 454 2 188 171 2 75 109
Bayern 0 80 104 2 623 488 2 281 356 0 192 188
Berlin 3 72 90 3 354 350 1 77 163 0 66 126
Brandenburg 0 15 19 2 108 88 0 89 137 0 63 71
Bremen 0 9 3 0 35 22 0 16 30 0 30 24
Hamburg 1 34 38 2 121 128 0 25 41 0 30 50
Hessen 0 98 94 0 611 564 0 133 124 0 77 110
Mecklenburg-­Vorpommern 0 3 6 0 61 22 0 67 59 2 57 85
Niedersachsen 0 46 37 2 255 173 1 231 296 1 222 333
Nordrhein-­Westfalen 2 182 195 6 1.080 906 6 635 862 5 575 796
Rheinland-­Pfalz 0 25 28 0 216 196 0 53 90 1 52 73
Saarland 0 2 4 0 65 39 0 4 5 0 9 18
Sachsen 0 31 46 2 211 242 3 180 172 0 145 197
Sachsen-­Anhalt 0 9 11 0 195 97 0 134 188 3 96 101
Schleswig-­Holstein 0 18 15 1 96 60 0 52 47 0 49 70
Thüringen 0 7 26 0 120 108 0 77 83 0 45 82
Deutschland 7 710 781 28 4.644 3.938 15 2.242 2.825 14 1.784 2.433
1
oder bei Nachweis einer Carbapenemase-DeterminanteEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
18
Weitere ausgewählte meldepflichtige Infektionskrankheiten
2019
Krankheit
52.
2018
1.–52.
1.–52.
Adenovirus-Konjunktivitis 0 587 Botulismus 0 7 9
Brucellose 0 35 37
Chikungunyavirus-Erkrankung 0 82 26
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit 0 27 81
Denguefieber 8 1.148 613
Diphtherie 1 15 26
FSME 0 440 584
Giardiasis 10 3.270 3.417
Haemophilus influenzae, invasive Infektion 19 949 851
0 1.451 235
Hantavirus-Erkrankung
676
Hepatitis D 0 44 59
Hepatitis E 26 3.706 3.400
Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS)
0 71 67
Kryptosporidiose 10 1.962 1.809
Legionellose 10 1.543 1.447
Lepra 0 1 0
Leptospirose 0 152 117
Listeriose 6 591 698
Meningokokken, invasive Erkrankung 4 258 295
Ornithose 0 11 9
Paratyphus 0 36 29
Q-Fieber 0 148 93
Shigellose 7 625 678
Trichinellose 0 4 0
Tularämie 1 71 54
Typhus abdominalis
Yersiniose
Zikavirus-Erkrankung
1 84 58
23 2.157 2.196
0 11 18
In der wöchentlich veröffentlichten aktuellen Statistik werden die gemäß IfSG an das RKI übermittelten Daten zu meldepflichtigen Infektions-
krankheiten veröffentlicht. Es werden nur Fälle dargestellt, die in der ausgewiesenen Meldewoche im Gesundheitsamt eingegangen sind, dem
RKI bis zum angegebenen Datenstand übermittelt wurden und die Referenzdefinition erfüllen (s. www.rki.de/falldefinitionen).Epidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
19
Erkrankungen durch ein neuartiges Coronavirus
(2019-nCoV) in Wuhan, China
Nachdem ein neuartiges Coronavirus (2019-nCoV) als Ursache des Ausbruchs von Pneumonien in der
chinesischen Metropole Wuhan ermittelt wurde, ist das Virus auch außerhalb Chinas bestätigt worden. Am
13.1.2020 hat die WHO über den ersten importierten Fall in Thailand berichtet. Es handelt sich um eine
Chinesin aus Wuhan, die mit Symptomen am 8.1.2020 nach Thailand eingereist war, am Flughafen im
Rahmen des Einreisescreenings aufgefallen ist und in ein Krankenhaus gebracht wurde. Sie ist derzeit
stabil. Am 16.1.2020 wurde eine Infektion bei einem Mann in Japan bekannt, der aus Wuhan zurückgekehrt
war. Er befand sind ab dem 10.1.2020 in Japan im Krankenhaus und ist inzwischen entlassen worden.
Bis zum 12. 1.2020 hat die städtische Gesundheitskommission von Wuhan (WMHC) 41 bestätigte
Pneumonien durch das neuartige Coronavirus (2019-nCoV) gemeldet, die in medizinischen Einrichtungen
behandelt werden. Sieben Patienten befanden sich zu dem Zeitpunkt in einem kritischen Zustand, sechs waren
bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Ein Patient mit schweren Grunderkrankungen ist verstorben.
Insgesamt wurden 763 Personen mit engem Kontakt zu den Erkrankten, darunter etwa 400
Mitarbeitende in der Gesundheitsversorgung, identifiziert, bei denen bisher keine Erkrankungen mit nCoV
berichtet wurden (Stand 12.1.2020).
Mit den Fällen in Thailand und Japan erhöht sich die Gesamtzahl der Fälle auf 43. Die Mehrzahl könnte der
WHO zufolge in Zusammenhang mit dem Aufenthalt bzw. der Tätigkeit auf einem Fischmarkt in Wuhan
stehen. Der Markt wurde am 1.1.2020 geschlossen und desinfiziert. Nach Medienberichten sind inzwischen
Umweltproben vom Markt positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden.
Der Symptombeginn der 41 in China bestätigten nCoV-Fälle reicht vom 8.12.2019 bis zum 2.1.2020. In
China wurden seit dem 3.1.2020 keine weiteren Fälle mehr berichtet. Der Symptombeginn des Patienten in
Japan war am 3.1.2020, der Patientin in Thailand am 5.1.2020. Thailand, Hongkong und weitere Länder im
asiatischen Raum haben eine intensive Surveillance bei Reisenden aus Wuhan implementiert, um
Verdachtsfälle rechtzeitig zu identifizieren.
Wie die WHO am 14.1.2020 mitteilte, besteht basierend auf den bisher vorliegenden Informationen die
Möglichkeit einer begrenzten Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Gegenwärtig gibt es der WHO zufolge
jedoch keine Hinweise auf eine fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung.
Die WHO empfiehlt keine Reisebeschränkungen, gibt aber Hinweise zu generell einzuhaltenden
Hygiene- und Verhaltensregeln für Reisende nach Wuhan in China.
Das ECDC stuft das Risiko für Reisende als gering, das Risiko einer weiteren Ausbreitung innerhalb der
EU – sollte ein Fall festgestellt werden – als gering bis sehr gering ein. Das Robert Koch-Institut schätzt das
Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland zurzeit als sehr gering ein. Diese Einschätzung
kann sich aufgrund neuer Erkenntnisse kurzfristig ändern.
Weitere Informationen
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Informationen des RKI zu Pneumonien durch 2019-nCoV: www.rki.de/wuhan
Corona-Seite der WHO u. a. mit Disease Outbreak News, Reisehinweisen und technischen Dokumenten: www.who.int/health-topics/
coronavirus
Informationen des Japanischen Gesundheitsministeriums zum importierten Fall in Japan: www.mhlw.go.jp/stf/newpage_08906.html
Informationen des ECDC zu 2019-nCoV, u. a. mit Risikobewertung: www.ecdc.europa.eu/en/novel-coronavirus-chinaEpidemiologisches Bulletin
3 | 2020
16. Januar 2020
20
Zur aktuellen Situation bei ARE/Influenza in der
2. Kalenderwoche (KW) 2020
Zusammenfassende Bewertung der epidemiologischen Lage: Die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen
(ARE) ist in der 2. KW 2020 bundesweit leicht angestiegen. Die Werte der ARE-Konsultationsinzidenz sind im
Vergleich zur Vorwoche in allen Altersgruppen angestiegen, die Werte des Praxisindex lagen in der 2. KW 2020
insgesamt aber noch im Bereich der ARE-Hintergrund-Aktivität. Im Nationalen Referenzzentrum für Influenza
wurden in der 2. KW 2020 in 43 (43 %) von 100 Sentinelproben respiratorische Viren identifiziert, darunter 19
Proben mit Influenza-A(H1N1)-pdm09, sechs Proben mit Influenza-A(H3N2)- und drei Proben mit Influenza-
B-Viren. Die Influenza-Positivenrate lag bei 28 % (95 %-Vertrauensbereich 19 – 38 %). Unter der Voraussetzung,
dass die Influenza-Aktivität und damit die Influenza-Positivenrate auch in der 3. KW 2020 erhöht ist oder weiter
ansteigt, hat die Grippewelle in Deutschland nach Definition der Arbeitsgemeinschaft Influenza mit der 2. KW
2020 begonnen.
Ergebnisse der europäischen Influenzasurveillance: Von 41 Ländern, die für die 1. KW 2020 Daten an TESSy
(The European Surveillance System) sandten, berichteten 19 Länder über eine Aktivität unterhalb des nationalen
Schwellenwertes (darunter Deutschland), 18 Länder über eine niedrige und drei Länder (UK(England/Wales),
Lettland) über eine mittlere Influenza-Aktivität. Ein Land (Israel) berichtete über eine hohe Influenza-Aktivität
(www.flunewseurope.org).
Quelle: Monatsbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI für die 2. KW 2020
https://influenza.rki.de
[*/quote*]
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REVOLUTION!
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