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Author Topic: Karma und Reinkarnation  (Read 2597 times)

ama

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Karma und Reinkarnation
« on: March 22, 2007, 06:26:18 PM »

[*QUOTE*]
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Claudia Goldner

Karma und Reinkarnation


Die Idee einer seelischen Substanz, die sich über den
begrenzten Lebenszeitraum eines einzelnen Menschen
hinweg erhält und die ein moralisches Werturteil über die
Qualität aller vorangegangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen Verhaltensweisen transportiert, eignet sich
hervorragend als Machtinstrument. Wer sein Leben von
Schicksalsmächten bestimmt sieht, wird autoritäre
Herrschaftsformen als naturgegeben hinnehmen und sich
damit zu arrangieren wissen.

Die Vorstellung, die Seele eines Menschen löse sich im
Tode vom Körper und reinkarniere gleichzeitig oder zu
späterem Zeitpunkt in einem anderen Körper, stellt den
wesentlichen Kern hinduistischer und buddhistischer
Überlieferung dar: die Lehre von Samsára, dem Rad des
Lebens, einer endlosen Folge von Geburten und
Wiedergeburten, die erst - und dies sei Ziel aller Mühe des
Menschen - beendet werden könne, wenn die
Auswirkungen der Taten früherer Leben, das sogenannte
Karma, abgetragen und keine weiteren Taten Ursache dann
notwendiger Folgen mehr seien. Erst wenn altes Karma
abgebaut und kein neues mehr angehäuft werde, finde die
Seele zur Befreiung, zu Moksha.

Auch in der abendländischen Kulturgeschichte findet sich
die Idee der Seelenwanderung, Metempsýchosis genannt,
allerdings mit weit geringerer Bedeutung als im Osten. In
der Antike ist nur bei den Pythagoräern und in der
Mysterienschule der Orphiker die Rede davon, am Rande
auch bei Plato. In frühchristlicher Tradition spielt sie eine
gewisse Rolle, auch Kirchenvater Origenes (185-254 u.Z.)
hing ihr an. Erst im Konzil von Konstantinopel im Jahre
533 wird sie offiziell als Ketzerei verworfen.

Unterschwellig freilich, im Kreise von Häretikern und
Geheimorden, zieht sich die Vorstellung der Reinkarnation -
wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt:
Wiedereinfleischung - quer durch das Mittelalter bis hinein
in die Neuzeit. In den ab Anfang des 19. Jahrhunderts
auftauchenden Traktaten der sogenannten Spiritisten und
später der Theosophie wird sie zum zentralen Thema.
Anders als im Osten gilt sie hier indes nicht als Alptraum,
sondern versteht sich als eine Art "spiritueller
Darwinismus", als Weg zur Selbstvervollkommnung nicht
nur des einzelnen, sondern der gesamten Menschheit.

Goethe, Heinrich Heine und Arthur Schopenhauer gelten
als prominente Vertreter solch "abendländischer"
Reinkarnationslehre, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in
der Anthroposophie Rudolf Steiners ganz besondere
Ausprägung fand.

Die Vorstellung von Wiedergeburt, wie sie in heutigen
Esoterikkreisen gepflogen wird, betrachtet das menschliche
Leben im großen über alle Inkarnationen hinweg als einen
andauernden Lernprozeß. Jede Inkarnation gleiche einem
Schuljahr, in dem ein bestimmtes Lernziel zu erreichen sei.
Werde nun dieses Ziel nicht erreicht oder weiche der
Mensch von dem ihm vorgegebenen Wege ab, müsse das
Versäumnis im nächsten Schuljahr aufgearbeitet werden. In
ihrer je neuen Verkörperung werde die menschliche
Individualität unentrinnbar mit den übriggebliebenen
Auswirkungen ihres voirhergehenden Erdenlebens
konfrontiert: das "Gesetz des Karma" sorge dafür, daß jede
Verfehlung ausgeglichen werde.

Karma-Forscher Peter Michel meint, wer leide, verdiene
sein Leiden: ein ungesunder oder mißgebildeter Körper
etwa sei allemal Resultat ungehörigen Lebenswandels in der
vorhergehenden Inkarnation. Epileptiker beispielsweise
seien sexuellen Exzessen verfallen gewesen, Mongoloide
dem Egoismus, Sklerotiker dem Haß und der Eifersucht.(1)
Wer sich der "Ausschweifung und Perversität" hingebe, so
die britische Karma-Expertin Kaye Challoner, laufe große
Gefahr, "verunstaltet oder epileptisch, krankheitsbeladen,
mit Gehirnschäden, mit Willensschwäche und angeborenen
Neigungen zu früheren Lastern" wiedergeboren zu
werden.(2)

In einschlägigen Kreisen ist vielfach von dem
amerikanischen "Propheten" Edgar Cayce (1877-1945) die
Rede, der den Holocaust mit karmischen Verfehlungen der
Juden erklärt und rechtfertigt.(3) Szenegrößen wie Phil
Laut oder Erhard Freitag äußern sich in diese Richtung: die
sechs Millionen Juden, die in den KZs und Gaskammern
der Nazis umkamen, seien selbst an ihrem Schicksal schuld
gewesen. Ende 1996 brachte der Berliner
"Reinkarnationstherapeut" Tom Hockemeyer,
szenebekannt unter seinem "spirituellen Namen" Trutz
Hardo, ein Buch auf den Markt, das sich in einer Art
Roman mit den "Gesetzen von Karma und Wiedergeburt"
befaßt.(4) Ganz bewußt wählte Hockemeyer als Titel seines
Machwerkes die Lagertorinschrift des KZ Buchenwald:
"Jedem das Seine". Es sei, so Autor Hockemeyer, der
Holocaust das "Bestmögliche" gewesen, was den Juden
habe widerfahren können: er habe einen "karmischen
Ausgleich" geschaffen für ihre Verfehlungen in früheren
Leben und ihnen insofern "spirituelles Wachstum"
ermöglicht. Im April 1998 wurde Hardo-Hockemeyer
wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des
Andenkens Verstorbener zu einer Geldstrafe von 200
Tagessätzen verurteilt; sein Buch wurde aus dem Verkehr
gezogen.(5)

TV-Moderator und Esoterik-Sprachrohr Rainer Holbe war
1990 ähnlicher Ausfälle wegen von RTL-Plus fristlos
gekündigt worden. Als "Medium" hatte er sich von zwei
Geistwesen Nachrichten aus dem Jenseits diktieren lassen.
Diese hatten via Holbe Unfeines aus früheren Leben
prominenter Zeitgenossen enthüllt, so auch über
Dalli-Dalli-Showmaster Hans Rosenthal, der 1987 nach
längerem Krebsleiden verstorben war. Rosenthal, so stand
zu lesen, sei in früheren Leben ein Dieb und Mörder
gewesen, seine Leiden im jetzigen Leben waren folglich nur
gerechte Strafe. Überdies habe er für sein jüdisches Volk
gleich mitgebüßt, das die ganze Menschheit schwer
geschädigt habe(6).

Esoterik-Lehrerin Penny McLean, bürgerlich: Gertrud
Wirschinger, bringt die Gesetzmäßigkeit von Karma und
Wiedergeburt auf den Begriff: Die Form, wie du man sich
im aktuellen Leben darstelle, ergebe sich daraus, wie man
sich im vorhergehenden Leben verhalten habe(7). Allemal
walte das Gesetz des Karma in kosmischer Gerechtigkeit:
Menschen, die unter Armut, Hunger oder sonstigem Elend
zu leiden hätten, würden ebendadurch ihre Vergehen aus
früheren Leben absühnen, Menschen in Glück und
Wohlstand hingegen den Lohn früher erworbener Meriten
genießen. Auch der bekennende Esoteriker Franz
Beckenbauer ist der Überzeugung, "daß das Elend des
einen Lebens durch das Glück eines vorangegangenen oder
kommenden aufgewogen wird"(8). Der britische
Fußballnationaltrainer Glenn Hoddle mußte ähnlicher
Auffassungen wegen 1999 seinen Hut nehmen: er hatte in
einem Interview mit der Times geäußert, Behinderte hätten
ihre Gebrechen selbst zu verantworten, weil sie in früheren
Leben gesündigt hätten. Nach aktuellen Umfragen glauben
16 bis 20 Millionen Bundesbürger an Reinkarnation.(9) Zu
den insofern meistgelesenen Autoren zählen der Theosoph
Gottfried von Purucker sowie der
Hare-Krishna-Chefideologe Ronald Zürrer.

Seit den 1950er Jahren wird die Idee der Wiedergeburt in
therapeutischem Zusammenhang praktiziert. In kruder
"Fortentwicklung" der Psychoanalyse, die die Ursache
jedweder psychischen Störung in ungelösten Konflikten der
frühen Kindheit sucht, geht die Reinkarnationstherapie,
auch Past-Life-Therapy genannt, in ihrer
Ursachenforschung weiter zurück. Selbst hinter das von
Freud-Schüler Otto Rank als entscheidend angesehene
"Geburtstrauma", auch hinter die womöglich prägenden
"pränatalen Urerfahrungen" innerhalb des Uterus.

Reinkarnationstherapie treibt den Rückwärtsdrang der
Psychoanalyse auf die Spitze: Noch hinter der Empfängnis,
in vormaligen Existenzformen, liege die Ursache der
Ursache sämtlicher gegenwärtigen Probleme. Traumatische
und unbewältigte Extremerfahrungen früherer Leben wie
schwere Krankheit, Folter, vor allem des eigenen Todes,
würden sich in die nächste Inkarnation "übertragen" und
sich dort in einer Vielzahl psychischer und
psychosomatischer Beschwerden niederschlagen. Ängste,
Schuldgefühle, chronische Schmerzen, Allergien,
Übergewicht, Epilepsie, Alkoholismus, Impotenz, Frigidität
undsoweiter seien allesamt karmische Überreste aus
früheren Leben, die, eben weil die betroffene Person im
"Normalbewußtsein" keinerlei Erinnerungszugang dazu
habe, als Krankheitssymptome nach Aufarbeitung drängten.
Die Symptome lösten sich auf, sobald ihre wirkliche
Ursache erkannt und diese noch einmal "bewußt" durchlebt
werde.

Die Rückführung wird in der Regel auf hypnotischem Wege
vorgenommen. Oftmals reichen auch einfache
Entspannungsübungen verbunden mit der Aufforderung,
sich ein geistiges Kino mit leerer Leinwand vorzustellen, in
dem nun die verschiedenen "Lebensfilmrollen" abgespielt
werden. Das weitaus riskanteste Verfahren zum
"Hinabtauchen in frühere Leben" stellt hyperventilierendes
Atmen dar. Experimente des tschechischen Psychiaters
Stanislav Grof, derlei Erlebnisse mit LSD zu bewirken,
mußten nach heftigster Kollegenschelte ebenso eingestellt
werden, wie die Versuche des Göttingers Hans-Carl Leuner
mit der halluzinogenen Droge Psilocybin.

Im deutschsprachigen Raum ist Reinkarnationstherapie vor
allem mit dem Namen des Münchener Psycho-Astrologen
Thorwald Dethlefsen verbunden, der Ende der 1960er die
Arbeiten amerikanischer Jenseitsforscher aufgriff und
publikumswirksam aufbereitete. Die Rückführungstechnik
Dethlefsens besteht aus einer Reihe simpler
Hypno-Suggestionen.

Therapeut: Sie schlafen...ganz tief...ganz fest...Ihr Schlaf
vertieft sich...immer tiefer (...) Ihr Körper ist
entspannt...Sie atmen ruhig und gleichmäßig...Sie schlafen
tief und fest (...) Erst wenn ich Ihnen befehle aufzuwachen,
werden Sie aufwachen (...) Sie stehen ganz unter meinem
Einfluß (...) Wir gehen nun in Ihrem Leben zurück...Zeit
spielt keine Rolle...Sie sind 23 Jahre alt...Sie sind 18 Jahre
alt...wir gehen weiter zurück...Sie sind 16 Jahre alt (...) Du
bist zwei Jahre alt (...) Auch wenn du immer jünger wirst
und ich dich immer weiter zurückversetze, verstehst du
jede Frage und kannst auch jede Frage beantworten (...)
Wir gehen jetzt noch weiter zurück und zwar bis zu deiner
Geburt. Du wirst also zur Zeit gerade geboren. Wie fühlst
du dich?

Klient Kalt.

Therapeut: (...) Wir gehen noch etwas weiter zurück, wir
gehen drei Monate weiter zurück. Wie fühlst du dich?

Klient: Wohl.

Therapeut: (...) Wir gehen nun ein halbes Jahr weiter
zurück (...) Wie fühlst du dich?

Klient: Leicht.

Therapeut: (...) Du gehst in Gedanken weiter zurück und
wirst mir alles sagen und schildern können, was du dabei
erlebst. Hast du schon etwas?

Klient: Einen Baum.

Therapeut: (...) Welches Jahr schreiben wir gerade?

Klient: Sechzehnhundert.

Therapeut: Wie heißt denn euer König oder Kaiser? Wem
dienst du?

Klient: Heinrich.

Therapeut: In welchem Land befinden wir uns, welchem
Staat? Welchem Gebiet? Wie nennt man das, wo du
wohnst? Das weißt du doch. Eins-zwei-drei - du weißt es.

Klient: Schwarze Donau.

Therapeut: (...) Wir gehen in der Zeit nun wieder
vorwärts.(10)


Schnell fanden sich zahllose Nachahmer und
Trittbrettfahrer, über 2.000 meist selbsternannte
"Therapeuten" sind inzwischen mit Rückführung in frühere
Leben zugange. Reinkarnationstherapie wird meist in
"Blockform" durchgeführt: 15 bis 40 Doppelstunden verteilt
auf drei bis vier Wochen. Die Anzahl der Therapiestunden
ist allerdings prinzipiell unbegrenzt: es kann immer noch
eine Existenzform "hinter" der jeweils gerade bearbeiteten
angenommen werden. Eine Stunde kostet zwischen 75 und
280 EURO.

Rückgeführte berichten aus jedwedem vergangenen
Zeitalter, ob bei den alten Römern, Griechen oder
Chinesen, Vorausgeführte - auch das ist möglich -
beschreiben Landungen auf dem Mars oder auf Alpha
Centauri. Auch Erlebnisse in Tier-, Pflanzen oder
Mineralform gibt es, ebenso wie Berichte aus Himmel,
Hölle oder dem "Leben zwischen den Leben". Die
Geschichten sind oftmals begleitet von heftigsten
Gefühlsaufwallungen, Tonband- oder Videoprotokolle
zeigen beklemmende "Authentizität".

Die Frage, ob es sich bei den jeweiligen Geschichten um
"reale" Erinnerungen handelt oder um Phantasiegebilde,
wäre für die klinische Arbeit (zunächst) ohne jede
Bedeutung: Als subjektives Erleben des Klienten sind die
auftauchenden Bilder allemal real und bedürfen, ähnlich wie
Traumbilder, therapeutischer Bearbeitung, einer
nicht-interpretativen Erschließung der verdrängten
Bedürfnisse und Ängste, die sich darin mitteilen. Eben
solche Bearbeitung sieht die Reinkarnationstherapie aber
ausdrücklich nicht vor, unabhängig davon, daß die meisten
ihrer Vertreter hierzu gar nicht befähigt wären. Der Klient
wird mit der "Erinnerung" an vermeintlich faktisches
Geschehen aus früheren Leben alleinegelassen, in der
unsinnigen und fatalen Annahme, hierdurch bewirke sich
irgendwelcher therapeutischer Wandel.

Die Erklärung für das Auftreten "reinkarnatorischer"
Phänomene ist einfach: In Trance, auch wenn diese nur
sehr oberflächlich ist, verengt sich das Wahrnehmungsfeld,
während gleichzeitig enorme Phantasietätigkeit freigesetzt
wird. Nach außen bleibt lediglich der Rapport zum
Therapeuten erhalten, dessen Suggestionen - beabsichtigte
wie unbewußte - leicht aufgenommen und in die jeweiligen
Phantasiekonstrukte eingebaut werden. Unbewußte
"Gefälligkeitsphantasien" für den Therapeuten, der
seinerseits - zumindest unbewußt - die Produktion
bestimmter Bilder erwartet, spielen eine wesentliche Rolle.

Menschen in Trance fabulieren so bestechend "logisch" und
detailliert - vielfach gehen die Geschichten auch mit großer
emotionaler Erregung einher -, daß sie selbst, wie auch
Augenzeugen, unverrückbar an die faktische Realität des
Erlebten glauben. Hinzu kommt, daß die wesentliche
motivationale Kraft, die, neben Leidensdruck, den Weg
eines Menschen zu einer Psychotherapie, und insbesondere
zu einer Reinkarnationstherapie, bestimmt, in dem
Wunsche liegt, etwas über sich zu erfahren: Neugierde also
oder Not bei der Erklärung der eigenen Existenz. Vor
diesem Hintergrund kann in Trance, besonders wenn diese
mit psychophysiologischen Manipulationstechniken wie
Hyperventilation induziert wurde, alles Mögliche erlebt und
damit "erklärt" werden: Wiedergeburtserlebnisse haben
mithin den Charakter von "Begründungslegenden", die
Unverständliches in der eigenen Existenz erklären.,
schaffen wir Legenden, um es zu begründen, erzählen wir
Geschichten, um es zu erklären. Das Material zu diesen
Geschichten, beispielsweise der "Erinnerung" an ein
früheres Leben als Hofnarr bei Pippin dem Kurzen, stammt
aus Bruchstücken erinnerter Erzählungen, Romane, Bilder,
Kinofilme undsoweiter, die in Trance zu einem Gesamtbild
zusammengesetzt werden und sich zu einem ganzen "Film"
verdichten können. Selbst in oberflächlicher Trance können
Gedächtnisinhalte reaktiviert werden, die dem
Wachbewußtsein ansonsten nicht mehr zugänglich sind. Für
derartige Kryptomnesie liegen mittlerweise zahlreiche
Belege vor: das Erleben vermeintlicher Präexistenzen etwa
im alten Rom beruht ausschließlich auf
Erinnerungsfragmenten an Filme wie "Ben Hur" oder "Quo
Vadis" und dergleichen, die allerdings bewußt nicht mehr
abrufbar oder zuzuordnen sind. Potokolle von
"Vorausführungen" erinnern häufig an "Perry-Rhodan"-
oder "Raumschiff Enterprise"-Episoden.

Auch wenn reinkarnationstherapeutische Tranceinduktionen
auf den ersten Blick als eher harmlos-groteske
Inszenierungen erscheinen: derlei "Rückführung" kann für
den einzelnen Teilnehmer hochgefährlich werden. Es
können akute Verwirrungszustände und Identitätskonflikte
auftreten, die bis zu schweren psychotischen Entgleisungen
und/oder suizidalen Krisen führen können. Aufgrund ihrer
in der Regel völlig ungenügenden Ausbildung sind die
Reinkarnationspraktiker nicht in der Lage, die
Gefährlichkeit ihres Tuns richtig einzuschätzen.

Ein Beispiel: Eine bekannte Opernsängerin litt unter der
Angst, auf der Bühne könne ihr plötzlich die Stimme
versagen. In der Reinkarnationstherapie "erinnerte" sie, sie
sei im 15. Jahrhundert Scharfrichter in Rothenburg
o.d.Tauber gewesen, als welcher sie Hunderte von
Delinquenten an den Galgen geknüpft habe. Viele der
Verurteilten seien unschuldig gewesen, sie habe folglich
furchtbares Karma auf sich geladen. Diese Schuld äußere
sich in ihrem jetzigen Leben - naheliegenderweise - in
Problemen an ihrem Halse. Die Frau steigerte sich in die
Vorstellung hinein, sie könne dieses Karma nur abtragen,
wenn sie sich selbst antäte, was sie ihren unschuldigen
Opfern angetan habe. Sie sah keine andere Möglichkeit
mehr, als sich selbst zu richten und auf dem Dachboden
aufzuhängen. Aufgrund akuter Sebstmordgefährdung kam
sie in stationäre psychiatrische Behandlung, in der sie mehr
als ein halbes Jahr verbleiben mußte.

Josef Sudbrack, Reinkarnationskritiker aus jesuitischer
Sicht, betont: "Die Vorstellung einer tatsächlichen
Reinkarnation ist absurd. Es handelt sich um unterbewußte
Projektionen frühkindlich-traumatischer Erlebnisse in eine
Bildersprache".(11) Ansonsten freilich tut die Amtskirche
sich schwer, eine klare Position gegen die um sich greifende
Wiedergeburtsgläubigkeit zu beziehen: zu sehr ähneln die
eigenen Angebote und Versprechen eines Fortlebens nach
dem Tode, einer "Auferstehung im Fleische", denen der
Neo-Okkultisten des New-Age.

Seit Anfang der 1980er ist ein enormer Zuwachs an
Veröffentlichungen aus dem Okkultbereich zu beobachten.

Insbesondere zu den Themen Reinkarnation
beziehungsweise Reinkarnationstherapie gab es eine wahre
Flut an Neuerscheinungen. Viele dieser Publikationen sind
freilich nichts als Aufgüsse einschlägiger Texte aus den
frühen 1920er Jahren, als die Reinkarnationsidee schon
einmal Hochkonjunktur hatte. Wie es etwa in einer Schrift
"Tote leben und umgeben uns" aus dem Jahre 1918 heißt:
"Die wichtigste Frage für die ganze Menschheit ist
zweifellos: Was wird aus uns nach dem Tode? Leider sind
heute noch die allermeisten Menschen (...) der Meinung,
daß das Was und Wie des Fortlebens der Menschengeister
nach dem Tode überhaupt nicht zu ergründen sei. Durch
diesen Trugschluß und den schlechten Lebenswandel, den
viele infolgedessen auf Erden führen, schaffen sich
Millionen und aber Millionen Menschen (ein Fortleben von
unbeschreiblichem) Jammer und Elend".(12) Vieles stammt
auch aus Originaltexten Rudolf Steiners, dessen "Okkulte
Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt", erschienen 1924 und neu aufgelegt 1980, ganz
offenbar einer Unzahl weiterer Publikationen als Vorlage
dienten.(13) Insbesondere die von Steiner aufgestellten
"historischen" Inkarnationsketten fanden vielfache
Nachahmung. Steiner sah etwa in Novalis eine
Wiederverkörperung von Raffael, Johannes und Elias, in
Schiller unter anderem die eines christlichen Märtyrers im
antiken Rom, in Karl Marx und Friedrich Engels
Wiedergeburten eines Leibeigenen bzw. eines unredlichen
Gutsbesitzers Anfang des 9. Jahrhunderts. Platon habe sich
im 19. Jahrhundert als unbedeutender Wiener Professor
wiederverkörpert, der dem Schwachsinn verfiel. Wen er
damit gemeint hatte, blieb offen. Der Reichsführer SS
Heinrich Himmler im übrigen hielt sich selbst für eine
Reinkarnation des Sachsenkönigs Heinrich I..

Abgesehen von der Erörterung völlig unerheblicher
Detailfragen unterscheiden sich die meisten Publikationen
zum Thema Wiedergeburt in nichts voneinander, vielfach
schreiben die Autoren seiten- und kapitelweise voneinander
ab. Von bemerkenswerter Originalität ist da der Beitrag der
Reinkarnationspraktikerin Hannelore Knöpfler zur Debatte
um den Paragraphen 218. Frau Knöpfler, die in eigenen
Seminaren die Kontaktaufnahme mit den Seelen
abgetriebener Föten lehrt, beschreibt ebensolchen Kontakt
als unabdingbar für Frauen, die ihre Schwangerschaft
abgebrochen haben, "denn wo Frauen behaupten, daß 'ihr
Bauch ihnen gehöre', manifestieren sie gleichzeitig, daß sie
sich herausnehmen, über die Gesetze des Kosmos zu
bestimmen". Schuldhaft hätten sie die Ankunft einer "reifen
Seele" verhindert, für die gerade diese Eltern bewußt,
sprich: aus karmischen Gründen, ausgesucht worden seien:
"Die Beziehung von Kindern zu Eltern ist niemals zufällig.

Immer haben bereits Verbindungen in einem früheren
Leben bestanden (...) Wer Leben bewußt tötet, merkt sehr
bald nach der Abtreibung, daß er ein großes Stück seines
SELBST getötet hat". Kosmische Verzeihung liege in
tätiger Reue und der Erkenntnis, wie wichtig es sei für die
"kollektive Bewußtseins-Dimension der Menschheit, daß
möglichst viele Seelen JETZT auf die Erde kommen".(14)

Originell ist auch die Offerte einer Liechtensteiner Firma,
die Kapitalanlagen für das nächste Leben anbietet. Als nach
eigenen Angaben weltweit einziges Unternehmen dieser Art
eröffnet die Stiftung "Prometh" mit Sitz in Liechtenstein
Reinkarnationsgläubigen die Möglichkeit, sich
gewissermaßen selbst zu beerben. Interessenten müßten zu
Lebzeiten einen Fragebogen mit persönlichen Angaben
ausfüllen, der später als Identifikationshilfe diene. Glaube
jemand, schon einmal dagewesen zu sein, könne er sich an
die Stiftung wenden, die drei anerkannte
Reinkarnationstherapeuten auf Spurensuche schicke. Falls
die drei Experten den Wiedergänger übereinstimmend
identifizierten, erhalte dieser seine Einlage verzinst
ausbezahlt. Während die Seele Vorausblickender also auf
Wanderschaft sei, so die Stiftung Prometh, arbeite ihr
Kapital auf der Bank. Werde das Geld nach
dreiundzwanzig Jahren nicht eingefordert, gehe es einem
vom Anleger zu Lebzeiten notariell festgelegten Zweck zu.
Die Mindesteinlage beträgt 102.000 EURO. In den USA
soll ein Versicherungsunternehmen Policen anbieten für den
Fall, daß man wider Willen in einem Land der Dritten Welt
reinkarniere.(15)

Erwähnenswert ist auch die neueste theoretische Variante
von Reinkarnationspionier Dethlefsen, der erkannt haben
will, daß es "in Wirklichkeit keine Zeit (gibt), in der
Wirklichkeit ist ewiges Hier und Jetzt". Folglich gebe es
"keine früheren Leben, sondern es gibt
nebeneinanderliegende Leben", Parallelleben sozusagen
derselben Person zur gleichen - da nicht existierenden -
Zeit. In der Therapie müsse es darum gehen,
"Inkarnationen" als "Identifikationen" zu begreifen, als
Nebeneinander verschiedenster Simultanexistenzen, die
solange zu durchleben seien, bis man die
"Opfer"-Identifikation hinter sich gelassen habe und
durchgestoßen sei zu der verborgen gebliebenen
"Täter"-Rolle. Insofern sei zu fordern, einen kranken oder
behinderten - nach Dethlefsen: "nicht lebenswilligen" -
Säugling medizinisch nicht zu versorgen, sondern sofort
sterben zu lassen: "Woher holt sich ein Arzt die
Berechtigung, einen nicht lebenswilligen Säugling dazu zu
zwingen, am Leben zu bleiben? (...) Es ist ein natürlicher
und gesunder Vorgang, daß die Natur dieses Geschöpf vom
Leben wieder zurückzieht".(16)

Hierzu paßt auch die Erkenntnis des amerikanischen
New-Age-Rabbiners Yonassan Gershom, der im März
1997 auf den Goetheanum-Tagen der Anthroposophischen
Gesellschaft in Berlin zum Thema "Reinkarnation und
Karma" kundtat, ihm seien nachweisliche Wiedergänger
von Holocaust-Opfern bekannt; beispielsweise eine junge
Frau, deren ständige Husten- und Würgeanfälle sich in
hypnotischer Rückführung als Residuen ihres
Erstickungstodes in einer Gaskammer in Auschwitz
herausgestellt hätten. Gershom ist Autor eines Buches mit
dem abgründigen Titel "Beyond the Ashes" (= Jenseits der
Asche), in dem er eine Vielzahl derartiger Fälle vorstellt.

Allen Ernstes diskutiert Gershom auch die Frage, ob
"Hitlers Seele bereut" habe; er zitiert hierzu das
Channelingmedium Michael Schuster, durch das Hitler sich
regelmäßig aus dem Jenseits mitteile: "Ich kann nicht
ungeschehen machen, was ich angerichtet habe; das ist das
Dilemma und der Grund meiner Pattsituation. Ich habe
keine Entschuldigung für die Juden von heute; ich konnte in
mir keine Antwort finden. Ich kann nur meine eigene Qual
anbieten (...) Das mag unangemessen erscheinen, aber die
Entwicklung, die ich anstrebe, muß die gleiche Gesundung
beinhalten, die auch in Ihrer Welt gesucht wird. Ich suche
nach Liebe in mir; sehen Sie nicht, daß die Menschheit die
gleiche Liebe auch sucht?". Im Interesse der
"planetarischen Heilung" sei er, Gershom, bereit, "Adolf in
die Arme zu schließen".(17)

Literatur

[1] Michel, P.: Karma und Gnade. Grafing, 1988
[2] Challoner, H.-K.: Das Rad der Wiedergeburt. München, 1976
[3] Stearn, J.: Der schlafende Prophet. München, 1985
[4] Hardo, J.: Jedem das Seine. Neuwied, 1996
[5] AG Neuss: Az.: Z 2101 IS 1974/97
[6] Keller, H.: Der Fall Holbe bei RTL. in Tageszeitung vom 28.3.1990
[7] PSI. ARD vom 19.1.1993
[8] Beckenbauer, F.: Ich: Wie es wirklich war. München, 1992
[9] Forum Kritische Psychologie: Scharlatane und
Beutelschneider. München, 1996
(unveröffentlichtes Manuskript; aktualisiert 1999)
[10] Dethlefsen, T.: Das Leben nach dem Leben:
Gespräche mit Wiedergeborenen. München, 1974 (4.Auflage)
[11] Einspruch. SAT1 vom 26.11.1992
[12] Bilz, F.: Tote leben und umgeben uns. Dresden, 1920
[13] Steiner, R.: Okkulte Untersuchungen über das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Dornach, 1924 (Reprint 1980)
[14] Knöpfler, H.: Was Ungeborene uns mitzuteilen haben.
in: DAR, 1/1990
[15] Hiemer, K.: Bei Wiedergeburt Geld zurück. dpa vom
30.9.1996
[16] Dethlefsen, T.: Das Leben nach dem Leben.
München, 1974 (4. Auflage)
[17] Gershom, Y.: Beyond the Ashes. Virginia Beach, 1992
(deutsch: Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Dornach
[CH], 1997)


aus: Bygland, A. (Hrsg.): Die autoritäre Versuchung: Mit
Heilslehren auf den rechten Weg. Almanach Edition
(Abraxax Nr.6), München, 2003
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[*/QUOTE*]


Herzlichen Dank!
ama
.

Thymian

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Re: Karma und Reinkarnation
« Reply #1 on: April 01, 2018, 10:22:07 AM »

Colin Goldner untertreibt mal wieder furchtbar:

[*quote*]
Autodidakten und Beutelschneider

Heilpraktische Psychotherapeuten und Heilpraktiker verfügen zwar über eine formale Berechtigung für ihre Tätigkeit. Die Überprüfungsanforderungen und Ausbildungsangebote auf dem Markt garantieren jedoch noch keine seriöse Behandlung

von COLIN GOLDNER

Angebote von Heilpraktikern und heilpraktischen Psychotherapeuten gibt es viele. Der Markt boomt und viele Leidende suchen in so genannten „sanften“ und „alternativen“ Heilansätzen ihr Glück. Doch die Qualifikationskontrollen sind in diesem Bereich des Psychomarktes sehr niedrig. Heilpraktiker und heilpraktische Psychotherapeuten qualifizieren sich in der Regel nicht durch eine grundsolide Ausbildung. Sie verfügen zwar über eine formale Berechtigung zur Tätigkeit als Heilpraktiker. Doch die dazu abgeleisteten Ausbildungen und Trainings bewegen sich oft in der Grauzone.
[*/quote*]

mehr:
http://www.taz.de/!1157073/

Das ist ein Text aus 2001, erschienen in der TAZ. Colin Goldner ist viel zu sanft mit denen umgegangen. Viel zu sanft.
Pages: [1]