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Author Topic: Gesundheitsrisiken durch wiederaufbereitete medizinische Einmalinstrumente  (Read 3866 times)

ama

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Gesundheitsrisiken durch wiederaufbereitete medizinische
Einmalinstrumente – verantwortliche Gesundheitspolitiker greifen nicht ein


Sendung vom 29. März 2007, Autor: Caroline Walter und Alexander
Kobylinski

Um Kosten zu sparen, lassen viele Kliniken in Deutschland medizinische
Einmalprodukte wiederaufbereiten. Dadurch können beispielsweise
chirurgische Instrumente, die vom Hersteller nur für den einmaligen
Gebrauch deklariert sind, mehrfach genutzt werden. Doch diese Form des
Recycling kann Gefahren für Patienten mit sich bringen – von
Infektionsrisiken bis hin zu Komplikationen bei der OP.

Gesundheitsbehörden in vielen EU-Ländern haben längst Konsequenzen
gezogen – die Aufbereitung von Einmalinstrumenten untersagt. Doch in
Deutschland hat das Bundesgesundheitsministerium bis heute nicht
gehandelt. Caroline Walter und Alexander Kobylinski haben recherchiert.
Krankenhäuser können krank machen. Die deutsche Gesellschaft für
Krankenhaushygiene schätzt, dass sich jedes Jahr eine halbe Million
Menschen in Krankenhäusern mit gefährlichen Keimen infizieren.
Ein Grund ist mangelnde Hygiene. Wer würde dabei schon an
medizinische Einmal-Instrumente denken? Wie der Name schon sagt,
sollen die ja nur einmal benutzt werden. Doch viele dieser
Instrumente kommen häufiger zum Einsatz, weil sie recycelt werden.
Dieses Recycling ist ein Tabu-Thema unter Medizinern. Caroline
Walther und Alexander Kobilinsky berichten.

Die letzten Minuten vor einer Operation. Ab jetzt hat der Patient keinen
Einfluss mehr darauf, was mit ihm geschieht. Er muss sich auf die Ärzte
verlassen - und auf ihre Instrumente.

Operiert wird oft mit so genannten Einmalinstrumenten. Mit ihnen werden
zum Beispiel Blutgefäße verschweißt oder Wunden geklammert. Diese
Instrumente sind nur für den einmaligen Gebrauch vorgesehen. Nach der
OP gehören sie eigentlich in den Müll.

Doch viele Kliniken lassen die Einmalinstrumente wiederaufbereiten statt
sie zu entsorgen. Diese Kliniken geben nach der OP ihre verschmutzten
Geräte an Aufbereitungsfirmen. Die reinigen und sterilisieren die
Instrumente. Sie bereiten sie auf und schicken sie zurück an die Klinik –
für den Einsatz am nächsten Patienten. Dieses Recycling von
Einmalinstrumenten ist in Deutschland erlaubt.

Ganz anders in vielen europäischen Nachbarländern. Wir sind an den
Landeskliniken Salzburg. Hier in Österreich ist die Aufbereitung von
Einmalinstrumenten untersagt. Prof. Felix Unger, ein Pionier in der
Herzchirurgie – und international renommiert. Er ist davon überzeugt,
dass das Recycling von Einmalinstrumenten ein Risiko darstellt.
Prof. Felix Unger, Herzchirurgie Salzburg, Österreich
"Die Wiederaufbereitung von Einmalgeräten ist heute völlig unzulässig
und für den Patienten untragbar. Sie bringen dadurch eine zusätzliche
Gefahrenquelle in den Operationssaal, die überhaupt nicht notwendig
ist."

Eine Gefahr – der die Patienten in Deutschland aber ausgesetzt sind.
Welches Risiko geht von recycelten Einmalinstrumenten aus?
KONTRASTE hat ganz aktuelle Stichproben gemacht und
Einmalinstrumente an Kliniken eingesammelt. Diese wurden von
verschiedenen Firmen aufbereitet. Zwei unabhängige Gutachter haben
überprüft, ob die Instrumente im Inneren sauber und sicher für Patienten
sind.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind erschreckend.

Diese aufbereiteten Einmalinstrumente sind verschmutzt – vor allem mit
Resten vom Vorgängerpatienten. All das würde im nächsten Patienten
landen. Gelangen Eiweiß- oder Blutreste in den Körper, können die darin
enthaltenen Keime Infektionen auslösen, Hepatitis und andere Krankheiten
übertragen.

Klaus Roth ist Gutachter für Medizinprodukte, ein ausgewiesener Experte
in Sachen Reinigung. Er sieht ein grundsätzliches Problem, wegen der
besonderen Konstruktion der Geräte.

Klaus Roth, Gutachter Medizinprodukte
"Wir haben natürlich mit Einmalinstrumenten die Chance, komplexe
Instrumente zu bauen, die sehr hilfreich sind für den Patienten, die
Funktionen haben, die man Mehrweginstrumenten nicht mitgeben kann.
Diese Mechanik lässt sich deswegen auch nur schlecht reinigen, weil
das Instrument gefüllt ist damit. Es gibt viele Nischen und Winkel, wo
sich der Schmutz absetzen kann, wo wir ihn aber nicht wieder
ausspülen können."

 
Roth hat für uns Stichproben von aufbereiteten Einmalinstrumenten
untersucht. Mit diesen Geräten wird Arthrose operiert, zum Beispiel der
Knorpel am Knie geglättet.

Auch in diesen recycelten Einmalinstrumenten fanden sich
Verschmutzungen: Hinweise auf Reste von Reinigungsmitteln. Und:
Borsten von Reinigungsbürsten blieben im Instrument. In einem Gerät
fand sich sogar ein Stahldraht, der dort nicht hingehört. Ein Fremdkörper
im Knie, der die Heilung stark beeinträchtigen kann.

Auffällig waren auch Macken an den Schneidklingen. Die Folge: der
Knorpel wird gerupft statt geglättet.

Klaus Roth, Gutachter Medizinprodukte
"Wir haben teilweise Schäden an den Klingen gefunden, die dazu
führen könnten, dass der Schnitt nicht sauber ausgeführt wird oder zum
Beispiel eine Erwärmung von Gewebe auftritt, was zu einem
schlechteren Heilungserfolg führen kann."
 
KONTRASTE
"Waren die Instrumente in einem Zustand, wo man sagen kann: Die
sollte man einsetzen?"
 
Klaus Roth, Gutachter Medizinprodukte
"Ich würde sie so nicht einsetzen, weil die neuen Instrumente sehen
anders aus."
 
Den Aufbereitungsfirmen zufolge sind recycelte Einmalinstrumente so
sicher wie neue. Man kontrolliere das. Es bestehe kein Risiko für
Patienten. Die Firmen verweisen darauf, dass die Aufbereitung ja
gesetzlich nicht verboten ist.

Viele Krankenhäuser stehen unter Kostendruck. Ein Einmalinstrument
recyceln zu lassen, ist billiger als jedes Mal ein neues zu benutzen. Jede
dritte Klinik lässt nach unseren Informationen aufbereiten. Die meisten
wollen das aber nicht offen zugeben und auch nicht darüber reden - ein
Tabu-Thema.

Wir wenden uns an die Krankenkassen, Beispiel DAK. Bezahlt die Kasse
für neue oder für recycelte Instrumente?

Cornelius Erbe, DAK
"Mit der Vergütung für die Krankenhäuser sind auch die Kosten für
Einmalprodukte abgedeckt. Deshalb gehen wir davon aus, dass unseren
Versicherten neue Einmalprodukte zur Verfügung gestellt werden."
 
Wir zeigen Fotos von den verschmutzten Einmalinstrumenten. Die
Krankenkasse erfährt nicht, ob die von ihnen bezahlten Kliniken recycelte
statt neuer Einmalinstrumente benutzen. Entsetzen bei der DAK.

Cornelius Erbe, DAK
"Ich halte es für Betrug, wenn wir für eine Leistung bezahlen, die nicht
erbracht wird, das halte ich für klärungsbedürftig. Wir möchten die
Sicherheit haben, dass unsere Versicherten mit der richtigen Qualität
versorgt werden."
 
Doch auch der Patient erfährt nichts vom Recycling. Wenn mit solchen
Instrumenten Patienten geschädigt werden, gelangt das nicht an die
Öffentlichkeit.

Wir finden einen der wenigen Ärzte, der über dieses Problem redet. Prof.
Beck vom Klinikum Konstanz macht viele Herzkatheteruntersuchungen.
Mit den dünnen Einmalkathetern werden Verengungen am Herzen
behandelt.

Gerade diese Geräte werden gerne recycelt. Prof. Beck ist strikt dagegen.
Aufbereitete Katheter – so seine Studien - haben oft feine Risse oder raue
Oberflächen. Die größte Gefahr: ein Katheterteil reißt im Patienten ab.

Prof. Andreas Beck, Chefarzt Klinikum Konstanz
"Wir haben Fälle gesammelt, im Freundes- und Bekanntenkreis, wo bei
defekten Ballonkathetern Gefäße geschädigt worden sind, eine Niere
verloren gegangen ist bei einem Patienten und ein Beckengefäß
zerrissen war bei einem Patienten. Allein schon diese zwei, drei
Patienten die ich persönlich kenne, genügen mir, um wieder
aufbereitetes Material nicht mehr einzusetzen."
 
Wir recherchieren weiter in England. Hier haben die Behörden längst auf
die Gefahr durch aufbereitete Einmalinstrumente reagiert. Das britische
Gesundheitsministerium hat eine Warnung an alle Kliniken
herausgegeben, Einmalinstrumente nicht zu recyceln und
wiederzubenutzen.

Philip Grohmann, Britische Gesundheitsbehörde (MHRA)
"Es gibt ein Infektionsrisiko für die Patienten. Bekommt ein Patient
durch ein aufbereitetes Einmalinstrument eine Infektion, sind die
Folgekosten sehr viel höher als die Kostenersparnis, die man durch die
Wiederaufbereitung hat."
 
Die Behörde verweist noch auf ein besonderes Risiko: die Übertragung
der tödlichen Creuzfeldt-Jakob-Krankheit. Sie wird durch Prionen
ausgelöst. Auch die Variante, deren Ursache BSE bei Rindern ist. Ist ein
Patient mit Prionen infiziert, können diese durch chirurgische Instrumente
von einem Patienten auf einen anderen übertragen werden. Dieses Risiko
erhöht sich bei recycelten Einmalinstrumenten.

Philip Grohmann, Britische Gesundheitsbehörde (MHRA)
"Das Risiko bei diesen Instrumenten ist höher. Denn es ist sehr
schwierig, Prionen von Einmalinstrumenten zu entfernen, weil die
hohen Temperaturen und Chemikalien, die für die Reinigung und
Abtötung von Prionen nötig sind, bei Einmalinstrumenten nicht
einsetzbar sind. Sie würden die Instrumente zerstören."
 
Auch in Deutschland besteht ein Risiko durch die Prionen. Hierzulande
sterben jedes Jahr Menschen an der Creuzfeldt-Jakob Krankheit, der
herkömmlichen Variante.
Die deutschen Behörden wissen um die Übertragungsgefahr. Aus einem
Bericht des Robert-Koch-Instituts geht hervor, dass es keine sichere
Methode gibt, Prionen von recycelten Einmalinstrumenten zu entfernen.
Denn diese werden mit Gas sterilisiert, ein unwirksames Verfahren, um
Prionen abzutöten.
Das Bundesgesundheitsministerium wurde von uns schon vor Monaten auf
die Risiken durch recycelte Einmalinstrumente hingewiesen. Ein
Interview mit der Ministerin zu diesem Thema wird abgelehnt. Wir
versuchen es trotzdem bei Ulla Schmidt.

KONTRASTE
„ARD, zum Stichwort Einmalinstrumente: die Wiederaufbereitung. Wir
wollten Sie fragen, warum das nicht verbieten in Deutschland?"
 
Ulla Schmidt (SPD), Bundesgesundheitsministerin
"Das ist zu komplex, um das jetzt hier zu besprechen."
 
Ausweichen – weil das Problem zu lange ignoriert wurde. Das
Gesundheitsministerium hat nach unseren Recherchen keine eigenen
Untersuchungen in Auftrag gegeben. Stattdessen ruft die Behörde jetzt im
Internet "Jedermann" dazu auf, Erfahrungen mit recycelten
Einmalinstrumenten zu schildern.

Ein Armutszeugnis – angesichts solcher Befunde aus unseren Gutachten.
In Österreich wundert sich Herzchirurg Prof. Unger über die deutschen
Behörden und darüber, was dem Patienten im Nachbarland zugemutet
wird.

Prof. Felix Unger, Herzchirurgie Salzburg, Österreich
"Wäre ich Patient und würde ich von der Krankenhausverwaltung
gefragt werden, ob bei mir wiederaufbereitete Geräte verwendet
werden können, da würde ich schlicht fluchtartig das Spital verlassen."


Hm. Man wird ja nicht gefragt.

© 2004 Rundfunk Berlin-Brandenburg
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Quelle:
http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_5669593.html

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« Last Edit: January 14, 2011, 01:56:30 AM by ama »
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ama

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Prof. Felix Unger, Herzchirurgie Salzburg, Österreich

"Wäre ich Patient und würde ich von der Krankenhausverwaltung
gefragt werden, ob bei mir wiederaufbereitete Geräte verwendet
werden können, da würde ich schlicht fluchtartig das Spital verlassen."

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[*/QUOTE*]

Das war vor drei Jahren. Daß man inzwischen nichts mehr darüber gehört hat, kann nur eines bedeuten: Pressezensur.

An den Praktiken selbst sollte sich was geändert haben?

Sicher nicht.

Bloß an den Methoden zur Vertuschung...


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