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Author Topic: Die echte Kürze  (Read 1636 times)

ama

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Die echte Kürze
« on: January 14, 2010, 11:23:45 AM »

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Die echte Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß man überall nur sagt, was sagenswert ist, hingegen alle weitschweifigen Auseinandersetzungen dessen, was jeder selbst hinzudenken kann, vermeidet, mit richtiger Unterscheidung des Nötigen und Überflüssigen. Hingegen soll man nie der Kürze die Deutlichkeit, geschweige die Grammatik zum Opfer bringen. Den Ausdruck eines Gedankens schwächen oder gar den Sinn einer Periode verdunkeln oder verkümmern, um einige Worte weniger hinzusetzen, ist beklagenswerter Unverstand. Gerade dies aber ist das Treiben jener falschen Kürze, die heutzutage im Schwange ist und darin besteht, daß man das Zweckdienliche, ja das grammatisch oder logisch Notwendige wegläßt. In Deutschland sind die schlechten Skribenten jetziger Zeit von ihr wie von einer Manie ergriffen und üben sie mit unglaublichem Unverstande. Nicht nur, daß sie, um ein Wort zu ersparen und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, ein Verb oder ein Adjektiv mehreren und verschiedenen Perioden zugleich, ja nach verschiedenen Richtungen hin dienen lassen, welche man nun alle, ohne sie zu verstehn und wie im dunkeln tappend, durchzulesen hat, bis endlich das Schlußwort kommt und uns ein Licht darüber aufsteckt; sondern noch durch mancherlei andere ganz ungehörige Wortersparnisse suchen sie das hervorzubringen, was ihre Einfalt sich unter Kürze des Ausdrucks und gedrungener Schreibart denkt. So werden sie durch ökonomische Weglassung eines Wortes, welches mit einem Male Licht über eine Periode verbreitet hätte, diese zu einem Rätsel machen, welches man durch wiederholtes Lesen aufzuklären sucht. Insbesondere sind die Partikeln "wenn" und "so" bei ihnen proskribiert und müssen überall durch Vorsetzung des Verbi ersetzt werden, ohne die nötige, für Köpfe ihres Schlages freilich auch zu subtile Diskrimination, wo diese Wendung passend sei und wo nicht; woraus denn oft nicht nur geschmacklose Härte und Affektation, sondern auch Unverständlichkeit erwächst. Damit verwandt ist ein jetzt allgemein beliebter Sprachschnitzer, den ein Beispiel am besten zeigt: um zu sagen, "käme er zu mir, so würde ich ihm sagen" usw., schreiben neun Zehntel der heutigen Tintenkleckser: "würde er zu mir kommen, ich sagte ihm" usw., welches nicht nur ungeschickt, sondern falsch ist; da eigentlich nur eine fragende Periode mit "würde" anfangen darf, ein hypothetischer Satz aber höchstens nur im Präsens, nicht im Futuro. Aber ihr Talent in der Kürze des Ausdrucks geht nun einmal nicht weiter, als die Worte zu zählen und auf Pfiffe zu denken, irgendeines oder auch nur eine Silbe um jeden Preis auszumerzen. Ganz allein hierin suchen sie die Gedrungenheit des Stils und Kernhaftigkeit des Vortrags. Demnach wird jede Silbe, deren logischer oder grammatischer oder euphonischer Wert ihrem Stumpfsinn entgeht, hurtig weggeschnitten, und sobald ein Esel eine solche Heldentat vollbracht hat, folgen hundert andre nach, die es ihm mit Jubel nachtun. Und nirgends eine Opposition – keine Opposition gegen die Dummheit, sondern hat einer eine rechte Eselei gemacht, bewundern sie die andern und beeilen sich, sie nachzumachen! Demzufolge haben diese unwissenden Tintenkleckser in den 1840er Jahren aus der deutschen Sprache das Perfekt und Plusquamperfekt ganz verbannt, indem sie beliebter Kürze halber solche überall durch das Imperfekt ersetzen, so daß dieses das einzige Präteritum der Sprache bleibt, auf Kosten nicht etwan bloß aller feinen Richtigkeit oder auch nur aller Grammatizität der Phrase; nein, oft auf Kosten alles Menschenverstandes, indem barer Unsinn daraus wird. Daher ist unter allen jenen Sprachverhunzungen diese die niederträchtigste, da sie die Logik und damit den Sinn der Rede angreift: sie ist eine linguistische Infamie. Ich wollte wetten, daß aus diesen letzten zehn Jahren sich ganze Bücher vorfinden, in denen kein einziges Plusquamperfektum, ja vielleicht auch kein Perfektum vorkommt. Meinen die Herrn wirklich, daß Imperfekt und Perfekt dieselbe Bedeutung haben, daher man sie promiscue, eines wie das andere, gebrauchen könne? – Wenn sie dies meinen, muß man ihnen eine Stelle in Tertia verschaffen. Was würde aus den alten Autoren geworden sein, wenn sie so liederlich geschrieben hätten? Beinahe ausnahmslos wird dieser Frevel gegen die Sprache ausgeübt in allen Zeitungen und größtenteils auch die gelehrten Zeitschriften; indem, wie schon erwähnt, in Deutschland jede Dummheit in der Literatur und jede Ungezogenheit im Leben Scharen von Nachahmern findet und keiner wagt, auf eigenen Beinen zu stehen; weil eben, wie ich nicht bergen kann, die Urteilskraft nicht zu Hause ist, sondern bei den Nachbarn, auf Visiten. – Durch die besagte Exstirpation jener zwei wichtigen Temporum sinkt eine Sprache fast zum Range der allerrohesten herab. Das Imperfekt-statt-Perfekt-Setzen ist eine Sünde nicht bloß gegen die deutsche, sondern gegen die allgemeine Grammatik aller Sprachen. Es täte daher not, daß man eine kleine Sprachschule für deutsche Schriftsteller errichtete, in welcher der Unterschied zwischen Imperfektum, Perfektum und Plusquamperfektum gelehrt würde, nächstdem auch der zwischen Genitiv und Ablativ; da immer allgemeiner dieser statt jenes gesetzt und ganz unbefangen z. B. "das Leben von Leibniz" und "der Tod von Andreas Hofer" statt "Leibnizens Leben", "Hofers Tod" geschrieben wird. Wie würde in andern Sprachen ein solcher Schnitzer aufgenommen werden? Was würden z. B. die Italiener sagen, wenn ein Schriftsteller "di" und "da" (d. i. Genitiv und Ablativ) vertauschte! Aber weil im Französischen diese Partikeln alle beide durch das dumpfe, stumpfe "de" vertreten werden und die moderne Sprachkenntnis deutscher Bücherschreiber nicht über ein geringes Maß Französisch hinauszugehn pflegt, glauben sie jene französische Armseligkeit auch der deutschen Sprache aufheften zu dürfen und finden wie bei Dummheiten gewöhnlich Beifall und Nachfolge. Aus demselben würdigen Grunde wird, weil im Französischen die Präposition "pour" armutshalber den Dienst von vier oder fünf deutschen Präpositionen versehen muß, von unsern hirnlosen Tintenklecksern überall "für" gesetzt, wo "gegen", "um", "auf" oder sonst eine Präposition oder auch gar keine stehn sollte, um nur das Französische "pour, pour" nachzuäffen; womit es so weit gekommen ist, daß die Präposition "für" unter sechs Malen fünfmal falsch steht. Auch das "von" statt "aus" ist Gallizismus. Ebenso Wendungen wie: "Diese Menschen, sie haben keine Urteilskraft" statt: "Diese Menschen haben keine Urteilskraft", und überhaupt die Einführung der armseligen Grammatik einer zusammengeleimten patois, wie das Französische in die deutsche, viel edlere Sprache, machen die verderblichen Gallizismen aus; nicht aber, wie bornierte Puristen vermeinen, die Einführung einzelner Fremdwörter: diese werden assimiliert und bereichern die Sprache. Fast die Hälfte der deutschen Wörter ist aus dem Lateinischen abzuleiten: wenn auch dabei zweifelhaft bleibt, welche Wörter wirklich von den Römern angenommen und welche bloß von der Großmutter Sanskrit her so sind. – Die vorgeschlagene Sprachschule könnte auch Preisaufgaben stellen, z. B. den Unterschied des Sinnes der beiden Fragen: "Sind Sie gestern im Theater gewesen?" und: "Waren Sie gestern im Theater?" deutlich zu machen.
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Das ist Schopenhauer.


"Deutschen können keine Epigramme schreiben. Sie machen immer Epikilogramme daraus."

Das ist wahr. (Und den Namen des Autors finde ich nicht.)

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« Last Edit: January 14, 2010, 11:28:53 AM by ama »
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