TG-1 * Transgallaxys Forum 1

Pages: [1]

Author Topic: Ergebnisse einer Nanopartikelanalyse  (Read 4819 times)

r5q2

  • Jr. Member
  • *
  • Posts: 33
Ergebnisse einer Nanopartikelanalyse
« on: May 21, 2006, 07:42:16 AM »

Eine sog. Nanopartikelanalyse beauftragt man über einen niedergelassenen Arzt beim Biomedizinischen Institut Bingen (BMIB). Es handelt sich hierbei nicht um einen beliebigen Arzt, sondern um einen Therapeuten, in der Regel ein Vertreter alternativer Heilmethoden, der mit dem Institut eng zusammenarbeitet. Eine Liste war bis kurz nach dem Erscheinen der Kritik von Herrn Dr. Keck (siehe http://www.xy44.de/indago/) auf der Homepage des BMIB zu finden. Auf der entsprechenden Seite des BMIB ist unter http://www.bmib.de/cms/index.php?view=,4,5 nur noch eine Telefonnummer angegeben. Die ehemalige Therapeutenliste ist jedoch hier im Forum veröffentlicht.

Der Therapeut nimmt dem Patienten Blut ab, das zur Analyse an das BMIB gesandt wird. Darüber hinaus füllt der Patient einen Fragebogen aus, in dem er Angaben über

a) das Krankheitsbild,
b) bislang vorgenommene Behandlungen und
c) eingenommene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel

macht. Nach rund drei bis vier Wochen erhält der Patient eine Nachricht vom Therapeuten, dass die Ergebnisse des BMIB eingetroffen sind. Es erfolgt nun ein Beratungsgespräch mit dem Therapeuten, wobei es nach meiner Einschätzung stets darauf hinausläuft, weitere Untersuchungen – die selbstredend keine Kassenleistungen sind – dem Patienten anzupreisen. Ob hieran auch das BMIB verdient, ist mir nicht bekannt. In der Summe sieht das Ganze stark nach Geldbeutelschneiderei aus, was auch ein Blick auf die Auswertung bestätigt.

Betrachtet man die 13-seitige Auswertung einer sog. Nanopartikelanalyse, so gewinnt man den Eindruck, es handle sich um eine Werbebroschüre – imposante Aufmachung und wenig Inhalt. Die Auswertung kommt in gebundener Form, der Inhalt kann wie folgt angegeben werden:

Die erste Seite ist das Deckblatt, das keinerlei Aussagekraft besitzt. Anstatt auf dieser "Nanopartikel" abzubilden, sieht man vielmehr einen Graphen, der an eine Massenspektrometrie erinnert. Dabei wären die "Nanopartikel" mit Sicherheit beeindruckend, wenn es diese nur gäbe.

Die nächsten vier Seiten stellen die eigentliche Auswertung dar; davon drei Seiten mit fragwürdigen Graphiken. Auffällig an den bunten Balkendiagrammen ist, dass keine Erklärungen zu den Zahlen an der x-Achse gegeben werden. Je nach getesteter Funktion liegt die Bandbreite zwischen 0 und +100 oder -100 und +100. Wie uns allen aus dem Physikunterricht der Schule noch bekannt sein dürfte, ist jede Achse stets mit der Messgröße und der entsprechenden Einheit zu versehen. Der Patient tappt hier also vollkommen im Dunkeln.

Die textuelle Zusammenfassung und Interpretation der Graphiken umfasst lediglich eine drittel Seite, wobei der Patient die Ursache seiner Krankheit nicht erfährt. Ich zitiere wörtlich aus einem mir vorliegenden AD(H)S-Profil: "Von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit kann ausgegangen werden." Wer die 3sat-"Werbesendung" nano (nach 3sat-eigenen Angaben eine Wissenschaftsjournal ohne Effekthascherei und Spekulationen) gesehen hat, wird sich an die Mutter mit ihrem Kind erinnern, das unter ADHS leidet. Eine angebliche Nanopartikelanaylse hat ergeben, dass eine Nahrungsmittelallergie vorliegt und das Verfahren konnte auch noch den Allergieauslöser bestimmen.

Auf einer weiteren Seite zeichnet sich Frau Dr. med. Barbara Bräuer - ihres Zeichens Fachärztin für Laboratoriumsmedizin - dafür verantwortlich, dass die vorliegende Nanopartikelanalyse unter ihrer Leitung durchgeführt wurde.

Im Anschluss folgen fünf Seiten Glossar, in dem überwiegend Begriffe aus den Bereichen Biologie und Medizin auf einfachstem Niveau erklärt werden.

Schließlich folgt eine Seite mit Bezug auf das getestete Anwendungsgebiet, z.B. ADHS oder Fibromylagie. Zu sehen ist ein Schaubild, das die "medizinischen Faktoren bei der Entstehung und Unterhaltung" des jeweiligen untersuchten Krankheitsbildes veranschaulichen soll. Diese Schaubilder sind ebenfalls auf der Internetseite des BMIB zu finden; und zwar unter: http://www.bmib.de/cms/index.php?view=,4,3.

Zu guter Letzt ist eine Seite mit der Überschrift "So funktionieren Nanopartikel - Analysen aus Blutmetaboliten" beigefügt. Zu sehen sind drei inhaltslose Bilder – u.a. der eingangs erwähnte Graph und das einzige, jemals veröffentlichte "Nanopartikel" (siehe http://www.transgallaxys.com/~veritas/npa/nanopartikel.gif) – mit einem noch inhaltsloserem Text. Für weitere Informationen wird auf das BMIB verwiesen.

Liest man die Zusammenfassung aufmerksam durch und macht man sich die Mühe, die Fachbegriffe mit Hilfe von Internetrecherchen zu entschlüsseln, so wird man sehr schnell feststellen, dass die Untersuchung, wie auch immer diese zustande kam, keine neuen Erkenntnisse brachten. Gibt ein Patient eine sog. Nanopartikelanalyse in Auftrag, so hat er sich mit Sicherheit in der Vergangenheit ausgiebig mit seiner Krankheit auseinandergesetzt. Die sog. Nanopartikelanalyse wird als Wunderwaffe angepriesen und kommt somit für viele Menschen mit chronischen Schmerzen einem Strohhalm gleich, an dem sie sich klammern können.

Ich behaupte, das BMIB nimmt lediglich gängige Blutuntersuchungen vor und verkauft diese Ergebnisse gepaart mit den Angaben des Patienten aus dem Fragebogen sowie den jeweiligen allgemein bekannten Symptomen als ihr Analyseergebnis. Zitat aus einem mir vorliegenden Fibromyalgie-Profil: "Die Leber zeigt sich stark belastet, entzündlich und parenchymal verändert." Ich möchte lediglich anmerken, dass die Leberwerte über das Blut auch ohne eine sog. Nanopartikelanalyse ermittelt werden können. Da der Patient wie bereits erwähnt vorab einen Fragebogen ausfüllt, kann u.U. aufgrund der eingenommenen Medikamente hierauf ebenfalls geschlossen werden.

Zum Schluss möchte ich ein weiteres Zitat aus einem Fibromylagie-Profil anführen: "Dazu gehören auch Erscheinungen wie Schlafstörungen, Nachlassen der Gedächtnisleistung, aber auch Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen." All diese Angaben machte der Patient vorab im erwähnten Fragebogen...


Anmerkungen vom 16.11.2006:

(1) Aufgrund der neuen Internetpräsenz der INDAGO wurden die entsprechenden Verweise.

(2) Da der INDAGO gerichtlich untersagt wurde, öffentlich mit Musterbefunden für die Nanopartikelanalyse zu werben, wurden diese aus dem Netz entfernt. Damit sich der Leser ein besseres Bild bzgl. des Forumsbeitrages machen kann, habe ich hier einen Musterbefund gesichert: http://www.transgallaxys.com/~veritas/npa/musterbefund_kopfschmerz.pdf.
« Last Edit: November 16, 2006, 02:33:47 AM by r5q2 »
Logged

r5q2

  • Jr. Member
  • *
  • Posts: 33
Ergebnisse einer Nanopartikelanalyse
« Reply #1 on: June 02, 2006, 03:29:14 AM »

An dieser Stelle eine Ergänzung zum obigen Eintrag:

Wie bereits erwähnt, gibt man eine sog. Nanopartikelanalyse über einen niedergelassenen Arzt, in der Regel ein Vertreter alternativer Heilmethoden, beim BMIB in Auftrag. Das Ergebnis der angeblich durchgeführten Nanopartikelanalyse wird an den Arzt gesandt, der mit dem Patienten das Ergebnis und alle weiteren Schritte bespricht.

Im Falle des mir bekannten ADHS-Patienten empfahl die Ärztin zusätzlich einen sog. ImuPro-Allergietest. Laut des Beitrages des Fernsehmagazines "nano" ist die Nanopartikelanalyse jedoch in der Lage, den Allergieauslöser bei ADHS zu bestimmen. Warum dann noch einen kostspieligen ImuPro-Test?

Bei einer Internetrecherche zum Thema "ImuPro" stößt man unweigerlich auf die Seite

>> http://www.imupro.de/

Herausgeber dieser Seite ist:

Evomed MedizinService GmbH
Heidelberger Landstr. 190
64297 Darmstadt

Evomed beschreibt den ImuPro-Test wie folgt:

Der ImuPro-Test identifiziert in einer umfangreichen Blutanalyse erhöhte Mengen spezifischer IgG-Antikörper gegen bestimmte Nahrungsmittel, das heißt ein persönliches Nahrungsmittel-Immunprofil ("ImuPro").
Allerdings lassen sich mit IgG-Test keine Allergieauslöser nachweisen. Mehr Informationen zu den unseriösen IgG-Tests gibt es beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. unter

>> http://www.aeda.de/pressinf/04-2004/03.htm

Wie an anderer Stelle im Forum zu lesen ist, ist Evomed ein Partnerinstitut des BMIB. Die Beantwortung der Frage nach dem Warum erspare ich mir hier also...
« Last Edit: October 18, 2006, 07:22:57 AM by r5q2 »
Logged

r5q2

  • Jr. Member
  • *
  • Posts: 33
Ergebnisse einer Nanopartikelanalyse
« Reply #2 on: October 17, 2006, 03:42:45 AM »

Am 06.10.2006 erreichte mich eine E-Mail eines Arztes, der im Februar 2006 an einem Fortbildungslehrgang in Sachen Nanopartikelanalyse der INDAGO (ehemals BMIB) teilgenommen hat und den Referenten bzgl. der Leistungsfähigkeit der neuartigen Methode Glauben schenkte. Er ließ sich nach eigenen Angaben dazu hinreißen, für eine Handvoll Patienten zur ADHS-Diagnostik Nanopartikelanalysen mit nachgelagertem ImuPro-Test erstellen zu lassen. Die Wertlosigkeit der Ergebnisse und Therapieempfehlungen erkannte er leider erst hinterher. Zudem soll nicht verschwiegen werden, dass die Patienten, würden sie alle Vorgaben des ImuPro-Test einhalten, bald unter Mangelerscheinungen zu leiden hätten. Analysen dieser zweifelhaften Art wird der Arzt in Zukunft nicht mehr durchführen lassen.

Auch erreichten mich Stimmen zweier Therapeuten, die, aufgrund der kontroversen Veröffentlichungen im Internet, zumindest vorerst keine Nanopartikelanalysen mehr anbieten wollen.

Zurück zum Analyseergebnis. Die INDAGO behauptete, die "Nanopartikelanalyse kann den genauen Ursprungsort und die Ursache von verschiedenen Symptomen und Erkrankungen aufzeigen, solange der Stoffwechsel beteiligt ist". Dass das Verfahren nicht in der Lage ist, dies zu leisten, wird dem Patienten spätestens dann deutlich, wenn die Auswertung auf dem Tisch liegt. Die versprochenen konkreten Angaben zur Krankheitsursache sind mitnichten zu finden, hingegen werden überwiegend nur vage Aussagen getroffen.

Auch wurde verkündet, die "Vollblutuntersuchung Nanopartikelanalyse ist ein Laborverfahren und basiert auf der Identifizierung von Konzentrationsveränderungen verschiedener Blutkomponenten mittels standardisierter Techniken". Der Auswertung kann allerdings nicht entnommen werden, welche Substanzen bei der angeblichen Messung herangezogen wurden. Auch ist die gewählte Begrifflichkeit vollkommen falsch, denn Veränderungen können mit lediglich einer Messung nicht festgestellt werden. Hierzu bedarf es stets mehrerer Messungen zu verschiedenen Zeitpunkten. Vermutlich versteht die INDAGO hierunter die Abweichung von einem Durchschnittswert, der bei gesunden Menschen gemessen wurde. Auch dieser unterliegt einer gewissen Schwankungsbreite.

Gerne erwähnt die INDAGO, ihre Nanopartikelanalyse könne "feinste Stoffwechselstörungen von vielen Organen und Organsystemen" identifizieren. Der von der INDAGO beauftragte Wissenschaftler Herr Dr. De Bruijn schreibt hingegen in seiner Kurzstellungnahme: "Nachteil dieses Verfahrens ist eine gewisse, systembedingte Unschärfe der diagnostischen Aussagen." Wie passt dies zusammen?

Dank des Verbands Sozialer Wettberwerb e.V. ist seit dem 07.08.2006 Schluss mit derartigen werbewirksamen Aussagen. Das Landgericht Leipzig untersagte der INDAGO mit einer einstweiligen Verfügung zum Schutze von medizinischen Laien die Verbreitung dieser Aussagen, da "die Werbung den allgemeinen Tatbestand der irreführenden Heilmittelwerbung nach § 3 Satz 1 HWG erfüllt".

Im ersten Eintrag erwähnte ich einen Fragebogen, den der Patient "interaktiv" mit dem Therapeuten "bei der ausführlichen Erstanamnese" ausfüllt und der zusammen mit dem abgenommenen Blut bei der INDAGO eingereicht wird. Im ersten Schritt wird das gewünschte, zu erstellende Profil gewählt. Eine Übersicht der Profile und der Preise ist unter http://www.transgallaxys.com/~veritas/npa/preisliste.pdf zu finden. Im zweiten Schritt macht der Patient dann Angaben über seinen Krankheitsverlauf, sprich Symptome, Diagnosen, Therapien, Medikationen etc. Nach wie vor gehe ich stark davon aus, dass die "Wissenschaftler" der INDAGO Kaffeesatzleserei mit den vom Patienten gemachten Angaben betreibt, Untersuchungen am Blut schließe ich zwischenzeitlich vollkommen aus.

Fazit: Von wissenschaftlicher Arbeitsweise kann hier in keinem Falle gesprochen werden, die Aussagen sind von widersprüchlicher Natur und dilettantischer Art.
« Last Edit: October 28, 2006, 09:00:18 AM by r5q2 »
Logged
Pages: [1]