Krebsforum Lazarus

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Autor Thema: Peter Zeller: 3. Teil: Weitere Gemeinsamkeiten pseudomedizinischer Systeme  (Gelesen 1891 mal)

Glückspilz

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From: Peter Zeller
Subject: Zeller über Pseudomedizin
Date: 1999/12/19
Message-ID: <385C82F2.8D15AF05@t-online.de>
Newsgroups: de.alt.naturheilkunde

3.  Teil: Weitere Gemeinsamkeiten pseudomedizinischer Systeme

   Analysiert man eine größere Zahl pseudomedizinischer Systeme, kommen
unweigerlich Gemeinsamkeiten zum Vorschein, die bei der Analyse des
Einzelfalles nicht deutlich werden.

§ 55. Simplizität.

Das Pseudoverfahren ist in aller Regel eine ganz
einfache Methode, die die Komplexität biologischer Systeme, die
Komplexität der modernen Krankheitslehre schlicht ignoriert. Wenn Popp
die Steuerung des Organismus durch Biophotonen postuliert, dann
‘vergißt’ er dabei die riesige Anzahl tatsächlich vorhandener ganz
unterschiedlich konstruierter Steuerungsprozesse im biologischen System.
Das Postulat allein genügt nicht, er muß zeigen, daß über
elektromagnetische Wellen eine Steuerung und nicht nur eine
Beeinflussung biochemischer Reaktionsabläufe tatsächlich stattfindet.
   Gleiches gilt für die kritiklose Anwendung von Magnetfeldtherapien. Die
nicht gesicherte Verkürzung der Knochenheilung um ein paar Tage
rechtfertigt weder Aufwand noch Kosten, schon gar nicht in einer
Krankenversorgung, die am Kostendruck zugrunde zu gehen droht.


§ 56. Einfachheit der Theorie.

Wie wir in Teil 2 ausführlich gezeigt
haben, bewegt sich der Theoriengehalt der Pseudosysteme zwischen gering
und nicht existent. Die Einfachheit der Theorie bedingt zwangsläufig
ihre Kürze. Ch 23 heilt Krebs, zwischen Anfangspunkt und Endpunkt der
Theorie ist eigentlich nichts. Das meint HUIZINGA, wenn er schreibt: Der
Gedanke sucht die Verbindung zwischen zwei Dingen nicht längs der
verborgenen Windungen ihres kausalen Zusammenhanges, sondern findet ihn
durch ein plötzliches Überspringen, nicht als eine Verkettung von
Ursache und Wirkung, sondern von Sinn und Zweck. Ch 23 steht nur
symbolisch für ein Medikament, auch wenn es ganz real verkauft wird, und
Krebs steht nur symbolisch für die Krebskrankheit. Aber so kann man die
Natur nicht beschreiben, die Kausalzusammenhänge sind immer viel
verwickelter, weitläufiger, wie man an jeder entwickelten medizinischen
Theorie sehen kann. Jede Kurzschlußbeschreibung ignoriert die
dazwischenliegenden Phänomene, deren komplexe Zusammensetzung, und ist
damit ein Verstoß gegen das Gesetz von SZILARD-BRILLOUIN.
   Man unterschätze die Einfachheit nicht, sie ist ein großer Vorteil,
denn einfache Systeme sind überschaubar, verständlich, plausibel, dem
Patienten leuchten sie ein. Der Patient glaubt beurteilen zu können, was
läuft, und er glaubt, mitentscheiden zu können. Durch scheinbar
verstandenes aktives Handeln verliert er das bedrohliche  Gefühl, der
Krankheit ausgeliefert zu sein. Gerade in der Krebstherapie ist das ein
ganz bedeutender Aspekt, ein starkes Motiv, das dennoch leicht übersehen
wird. Nicht die Wissenschaftlichkeit der modernen Onkologie, sondern die
Modalitäten ihrer Ausführung sollten überdacht werden.
   Wieso Ärzte derart simple Theorien adoptieren, ist auf Anhieb nicht
erklärlich. Ich habe das lange Zeit nicht verstanden. Zufällig traf ich
dann eine ältere Ärztin, die gerade eine Veranstaltung der Firma
vitOrgan verließ. Sie sagte: Ich wußte gar nicht, daß die Medizin so
einfach ist.
   Das ist es. Pseudotheorien suggeriereren die Einfachheit der Medizin.
Doch  sie ist eben nicht einfach. Sie ist umfangreich, sie ist komplex,
jedes Jahr wird sie umfangreicher und komplexer und immer weniger
anschaulich. Will der Arzt sein Wissen aktualisieren, dann heißt das
ständige, mühsame Arbeit. Manche packen es offenbar nicht. Doch das
Behandeln auf der Grundlage eines veralteten Wissens verträgt sich nicht
mit dem ärztlichen Selbstverständnis. Sie geraten in einen zunehmend
bedrückenden Gewissenskonflikt, das schlechte Gewissen drückt auf die
Seele. Dann ist das Überwechseln zur Einfach-Theorie eine Befreiung,
eine Erlösung.


§ 57. Nachahmung.

Viele Pseudoverfahren haben einen oder mehrere
Vorläufer in der Geschichte. Die Imitate werden mit modernen,
hochtrabenden Namen versehen, die die Aktualität der Methode
signalisieren sollen. Praktisch ist das allemal. Man muß nichts Neues
erfinden, in gewisser Weise ist die Methode schon erprobt, der
Vertreiber kann die Gefahren kalkulieren.
   Das ist überhaupt ein besonderes Kapitel. Wegen der überaus großen
Komplexität des menschlichen Organismus ist dieser schlecht oder gar
nicht kalkulierbar, wenn ihm neue Substanzen zugeführt werden; man
erlebt sehr schnell unangenehme Überraschungen, wie das ja auch immer
wieder in der seriösen Medizin passiert, wo dann ein neues Medikament
nach kurzer Zeit vom Markt genommen werden muß. Dabei versucht die
seriöse Medizin alles, solche Unerfreulichkeiten zu verhindern, indem
neue Wirkstoffe von Zellkulturen über Bakterien, Nagetiere, Katzen,
Hunde und Pferde bis hin zu Menschenaffen getestet werden (ausführliche
Darstellung: NAGEL in NAGEL/SCHMÄHL, 1984, S. 151f). In der
Pseudomedizin gibt es dazu nichts Vergleichbares, meist wird ohne jede
Prüfung sofort therapiert.
   Diese Situation ist außerordentlich unbefriedigend, aber der
Gesetzgeber hat das seine dazu getan, indem er in einem besonderen
Zulassungsverfahren die Anforderungen an ein Therapeutikon dann
drastisch senkt, wenn es nur als ganzheitlich oder biologisch oder
dynamisch-metaphysisch deklariert wird. Manchem Vertreiber ist das noch
zuviel - er bringt dann seine Pseudo-Medizin als
Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt. So wurden Laetrile und Krebiozen
zu Laetrile-Diät und Krebiozen-Diät, nur um die Vorschriften der FDA zu
umgehen.
   Zurück zum Thema: Dem Erfinder kann also nichts Schlimmeres passieren,
als daß seine Methode reihenweise Schäden oder sogar Tote produziert. Es
ist aber gar nicht so einfach, etwas wirklich Unschädliches zu finden.
Für die Erfinder ist das ein echtes Problem. Deshalb wird oft auf
extreme Verdünnungen ausgewichen, jenseits der LOSCHMIDTschen Zahl wie
in der Homöopathie, oder es wird gleich destilliertes Wasser verabreicht
wie bei Koch oder Klehr, davon erfährt der Patient aber nichts.


§ 58. Die Rolle der Autoritäten.

Beliebt ist das Argumentieren mit Autoritäten. Da wird nicht die Methode
bewiesen - die Methode soll deshalb richtig sein, weil eine wissenschaftliche
Autorität in irgendeinem Zusammenhang mit dieser Methode steht. So soll
Rillings Spektralanalyse des Vollbluts zur Krebskontrolle deshalb richtig sein,
weil die Spektralanalyse selbst von KIRCHHOFF und BUNSEN, sicherlich
echte Autoritäten, entwickelt wurde. Das polare Krankheitsbild der
Anthroposophen soll, so der Anthroposoph Wolff, deshalb richtig sein,
weil vor allem Goethe die polare Betrachtungsweise vertreten hat.
   Legion sind die falschen Autoritäten: HAHNEMANN für die Homöopathen,
Steiner für die Anthroposophen. Der Physiker Capra wird immer dann
zitiert, wenn die Ergebnisse der modernen Physik als Beweis der
Pseudomedizin dienen sollen. Die Paradigmentheotrie des Physikers Kuhn
wurde euphorisch begrüßt; seither sehen sich die Pseudologen als die
Vertreter des neuen Paradigmas, der neuen wahren Wissenschaft. Man fragt
sich dann schon, weshalb eigentlich das fast 200 Jahre alte Paradigma
der Homöopathie jetzt ausgerechnet das neue sein soll. Von
Pseudo-Autoritäten wimmelt es geradezu in der Pseudomedizin, so daß wir
das Thema nicht weiter ausführen müssen.
   Gibt es keine Autorität, dann schafft man eine. So hat nach Schendel
der Wiener Physiologe und Ordinarius Durig seinen Diabetes erfolgreich
durch Bergwanderungen geheilt, was für Schendel, Regierungsdirektor im
niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr,
dann der Beweis dafür ist, daß die schulmedizinische Behandlung mit
Insulin einen Letalfaktor darstellt, den Patienten also zu Tode bringt
(Biol. Medizin Heft 6 S. 433, 1992). Sicher ist, daß bei einem
insulinpflichtigen Diabetes der Patient ohne sein Insulin stirbt. Eine
solche Verdrehung der Wahrheit kann nur aus Bösartigkeit entstehen.
Schendel war die treibende Kraft, daß sein Minister das
Dokumentationszentrum für Naturheilweisen in Dortmund, eine rundum
pseudomedizinische Veranstaltung, mit 4 Millionen Steuergeldern
subventioniert hat, zur Förderung der mittelständischen Wirtschaft
(Zitat).
   Für Rilling ist der geniale Wiener Physiker Kracmar, den allerdings
außer Rilling keiner mehr kennt, dessen Steckenpferd die Medizin war,
Garant für die Richtigkeit der Biotonometrie bei der Krebskontrolle
(Rilling: Alternative Krebsdiagnostik. In: Nagel et al. 1985).
   WILHELM ROSER und CARL AUGUST WUNDERLICH gründeten 1842 das Archiv für
physiologische Heilkunde. Im Geleitwort schreiben sie: „ ...Während man
gleichgültig gegen eine Lehre war, die zum erstenmal Etwas von
mathematischer Sicherheit in die Medizin einzuführen versprach,
verfehlte man nicht, eine Reihe irrationaler Zeichen auf die Autorität
von Griechen und Arabern nachzuschleppen, und neue von gleichem Werth,
wenn sie nur durch einen anerkannten Titel des Beobachters sich
empfahlen, eilfertigst zu adoptiren.
   Die Statistik hat in der neuern Zeit das Verdienst erworben, eine gute
Partie der einst für „pathognomonisch" erklärten Zeichen in ihrer
Nichtigkeit aufzuzeigen, und manche hypothetische Krankheitsursachen:
Erkältungen, Wetterveränderungen u.s.w. als ganz unbegründet
darzustellen. Sie hat, indem sie den nominellen Autoritäten die
gewichtigere Autorität der Zahlen entgegen setzte, gezeigt, wie wenig
berechtigt das bisherige Zutrauen auf jene Versicherungen war, und wie
selten manche Zeichen bei gewissen Krankheiten wirklich vorkommen, bei
denen sie der gute Glauben der alten Zeit nie fehlen ließ." (Nebenbei
verweise ich auf die Schönheit der Sprache, die man in modernen
wissenschaftlichen Arbeiten so schmerzlich vermißt.)


§ 59. Die Breite der Indikation.
Viele Pseudoverfahren sollen gegen alle Krankheiten helfen. Es gilt das MMG,
das modifizierte Musketiergesetz „Eines für Alles". Homöopathie und Anthroposophie
behandeln grundsätzlich alle Krankheiten und auch noch die, die sie hinzuerfinden.
Und wenn schon nicht alle, dann wenigstens wie bei Abrams die
Volkskrankheiten - Rheuma, Syphilis, Tuberkulose - oder wenigstens alle
Krebskrankheiten. Der Neuraltherapeut Dosch propagiert 317 Indikationen
für die Neuraltherapie.
   Aus der Sicht des Vertreibers ist das ja auch ganz sinnvoll. Was nützte
es, ein Mittel gegen die Haarzellenleukämie zu erfinden? Da handelte man
sich nur Schwierigkeiten ein und würde nichts verdienen. Weltweit gibt
es fünf Patienten mit Haarzellenleukämie.


§ 60. Mimikri.

So sehr die Pseudomediziner mit Unterstellungen und Insinuationen die Medizin
bekämpfen, so sehr tun sie doch alles, die äußere Erscheinungsform der Medizin
bis in die letzte Einzelheit zu kopieren. Sie gründen Vereinigungen und Gesellschaften,
Konventikel, wie JASPERS sagt, die sich nur im Namen und nicht im Tun an die seriösen
Medizin-Gesellschaften anlehnen, dort ist man unter sich und braucht
fremde Kritik nicht zu fürchten, sie gründen ihre Zeitschriften und
Verlage, die nur das Genehme veröffentlichen, ihre
Fortbildungsveranstaltungen wie die Pseudomedizinische Woche
Baden-Baden, wo sie sich öffentlich und werbewirksam darstellen können -
so entsteht eine ganze POTEMKINsche Megalopolis mit der Fassade
wissenschaftlicher Ehrbarkeit, so entsteht eine heile Welt der
Scharlatanerie, aus der der Kritiker tunlichst entfernt wird. Der
Heilpraktiker im weißen Kittel, mit dem Stethoskop in der Tasche, ist
die Metapher der Sinnlosigkeit.


§ 61. Stiftungen.

Eine besondere Form der Gesellschaftsbildung ist die Gründung einer Stiftung.
Sie geschieht immer dann, wenn die Methode eine größere Verbreitung erreicht.
Sinn der Stiftungsgründung ist das Hinausschleichen aus der juristischen
Verantwortung, denn im Gegensatz zum Einzelnen kann die Siftung schlecht
belangt werden, so daß der Gesetzgeber hier eine sinnvolle Aufgabe hätte, die
er wie üblich ignorieren wird.


§ 62. Gründung eigener Kliniken.

Die Gründung eigener Kliniken und Institute erfolgt immer dann, wenn die
Verbreitung der Methode eine ausreichende finanzielle Basis geschaffen hat.
Beispiele sind Hoxsey in Dallas, Abrams und Koch in Chikago,  die Anthroposophen
mit der Filderklinik bei Stuttgart und Arlesheim bei Basel, Kisseler im
Schwarzwald, Klehr in München und Bad Heilbrunn. Eigene Kliniken haben
den angenehmen Nebeneffekt, daß man die Kontrolle durch die Medizin
nicht fürchten muß.


§ 63. Die Umkehrung als Methode.

Zu neuen pseudowissenschaflichen Theorien kommt man am einfachsten, wenn man
die auf den Kopf gestellte Wissenschaft als neue Theorie ausgibt.

Schon das paracelsische dosis facit venenum beschreibt, wie die Wirkung mit
steigender Dosis ansteigt bis zur Giftwirkung. Die Homöopathie übernimmt dann
die Isopathie des PARACELSUS, Herz zu Herz und Hirn zu Hirn, das similia similibus;
doch die Dosis-Wirkungsbeziehung stellt sie auf den Kopf und behauptet, die
Wirkung steige mit der Verdünnung an, erfindet dafür den Term
Potenzierung.
   In der Wissenschaft nimmt das Auge Strahlen auf, nach Curry, dem
Erfinder des Erdstrahlen-Diagonalnetzes, sendet das Auge Strahlen aus.
Von da ist es nicht weit zur Psychophotographie des Ted Serios. Der
Gelegenheitsarbeiter machte 1970 von sich reden, weil er nur mit der
Kraft der Gedanken unter Verwendung eines Pappröhrchens zur besseren
Konzentration Bilder auf die fotographische Platte bannen konnte. Der
Schwindel wurde entlarvt; im Pappröhrchen befand sich ein kleines Dia
des ‘Psychofotos’ (PROKOP in OEPEN, PROKOP 1986). Vor einigen Monaten
brachte das esoterische Periodikum raum&zeit einen Artikel über
Psychofotographie mit Serios als triumphalen Beweis gegen eine ignorante
Wissenschaft - von der längst erfolgten Entlarvung erfuhr der Leser
nichts.


§ 64. Die Verdrehung der Wahrheit.

Die Umkehrung oder Verdrehung der Wahrheit ist allgegenwärtig, sie kommt
auf  jeder Ebene und in jeder Form vor.

Daß WILLIAM HARVEY die Bedeutung des Blutkreislaufs entdeckt hat,
war ein großer Fortschritt für die Medizin. Doch dann kommt Steiner und
sagt Es ist ein grobes Mißverständnis der Medizin, daß das Herz eine
Pumpe sein soll (Steiner 1921).

   Wolff, der medizinische Exeget Steiners, schreibt (a.a.O. 1982, S. 10):
(1)  Die Tatsache, daß Entzündung und Krebsbildung etwas miteinander zu
tun haben, ist in der Vergangenheit von sehr vielen Seiten konstatiert
worden, und zwar so gut wie immer mit dem Ergebnis, daß ein gewisser
Antagonismus vorliegt, d. h. daß diese beiden Pole Gegenspieler sind.
(2)  So zeigte sich, daß eine Neigung zu Entzündungen bei einer
Krebskrankheit etwas Seltenes ist, daß Krebskranke auch eine gewisse
Immunität gegen bestimmte Infektionskrankheiten besitzen
(3)  und vor allem, daß die wenigen Fälle von Spontanheilung bei Krebs
zumeist im Gefolge einer hochfieberhaften Krankheit eintraten.
   
Jeder dieser Sätze ist falsch.

(1) Seit langem weiß man, nachzulesen in den Lehrbüchern der Pathologie,
daß die chronische Entzündung der Haut, der Bronchialschleimhaut, der
Magenschleimhaut zur krebsigen Entartung der Zelle führen kann.
Chronische Entzündungsvorgänge in der Leber können das Leberzellkarzinom
auslösen. Die chronische Toxineinwirkung auf das Pankreas führt über die
chronische Entzündung zum Pankreaskarzinom.
(2) Die Leukämie beim Kinde zeigt häufig eine Entzündung des Halses als
Erstmanifestation.  Die sog. opportunistischen Infektionen treten bei
allen Krebserkrankungen mit Schädigung des Immunsystems auf und sind
gerade deshalb als nosologische Gruppe zusammengefaßt worden.
(3a) Spontanheilungen sind überhaupt nicht selten; nach Schätzungen
heilen 40% der Tumoren des Magen-Darm-Trakts spontan ab, bei den Tumoren
anderer Bereiche liegt der Prozentsatz niedriger; beim bösartigsten
Tumor des Menschen, dem malignen Melanom, beträgt die
Spontanheilungsrate der Erstmanifestation immerhin noch 4 Prozent, die
der Zweitmanifestation noch 1 Prozent!
(3b) Daß Spontanheilungen im Gefolge einer hochfieberhaften Entzündung
aufträten, ist eine glatte Erfindung. Wolff variiert hier einen
ebensowenig zutreffenden Satz von HAHNEMANN, daß eine Krankheit zuweilen
durch das Hinzutreten einer weiteren Krankheit geheilt werde. Es gibt
sicherlich Merkwürdigkeiten in der Medizin, aber diese Merkwürdigkeit
gibt es nicht.

   Wenn der Krebs in der Wissenschaft zum Tod führt, dann wird er bei
Hamer zum Heilungsprozeß. Die Umkehrung wissenschaftlicher Erkenntnisse
ist eine beliebte Methode, zu pseudowissenschaftlichen Theorien zu
kommen. Methodisch gesehen ist es die Negation der Beobachtung am
Phänomen, geschichtlich gesehen das Beharren auf der Negation als
Erkenntnismethode des naiven Weltbilds.
   Wenn die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr bildet, wird der Patient
krank und stirbt, wenn er das Insulin nicht zugeführt bekommt. Für
Schendel ist die Substitutionstherapie (mit Insulin) selbst insofern ein
Letalfaktor, als sie den Patienten auf Dauer von der Substitution
abhängig macht (Biol. Medizin Heft 6 S. 433, 1992). Das ist falsch. Die
Substitution macht nicht abhängig, das fehlende Insulin macht die
Substitution notwendig. Aber Schendel kommt es nur darauf an, die beiden
Worte Insulintherapie und Letalfaktor in einem Satz zusammenzubringen.
   Landsberger: Chemotherapie: eine Geschichte von Leid, Qual und
Erfolgsarmut mit zum Teil rücksichtlosem Experimentieren mit Menschen.
Sie hat nur wenige Erfolge zu verbuchen ... Zytostatika haben nur
marginale Erfolge (a.a.O.). Wahrheit ist, daß die Hälfte aller
Krebserkrankungen geheilt werden kann. Mit Heilung ist dabei nicht, wie
immer wieder unterstellt, die 5 Jahres-Heilung gemeint, sondern echte
Heilung, also Freiheit von der Krebskrankheit. Landsberger der Facharzt
für Rufmord? So wird dem Kranken auch das Vertrauen in die Medizin
gestohlen.
   Eine ganz andere Form der Verdrehung schildert BLEULER. Eine Zürcher
Kauffrau wollte heilerisch tätig werden. Der Magistrat verlangte eine
Überprüfung durch die Ärzte des Burghölzli, also des psychiatrischen
Krankenhauses des Kantons. Die Ärzte fanden schnell heraus, daß die
Kauffrau bar jeden medizinischen Wissens war, meinten aber, sie werde
trotz der Abstrusität ihrer Vorstellungen wohl keinen Schaden anrichten.
Tags darauf nagelte die Kauffrau ein Schild an ihre Tür: Von den Ärzten
des Burghölzli geprüft.
« Letzte Änderung: 01. Januar 1970, 01:00:00 von 1291491311 »
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müßte ich grün sein.

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Peter Zeller: 3. Teil: Weitere Gemeinsamkeiten pseudomedizinischer Systeme
« Antwort #1 am: 22. November 2010, 23:03:58 »

§ 65. Mangelnde Prinzipientreue.

Mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin entstanden immer mehr valide
Argumente gegen die Homöopathie. Die Homöopathen sahen sich in einen ständigen
Verteidigungskrieg gezwungen, mußten ständig neue Regeln und angebliche
Gesetzmäßigkeiten erfinden, um dem Todesstoß durch die Wissenschaft zu
entgehen. Eines dieser Dogmen war die Lehre von der feinstofflichen
Wirkung der Homöopathie, so feinstofflich, daß sie wissenschaftlich
prinzipiell nicht beweisbar sei.
    Dann kam Benveniste. In Nature veröffentlichte er einen Artikel über
die Degranulation von basophilen Leukozyten, der nahelegte, daß ein
Wirkstoffeffekt auch noch bei D200 auftritt. Sofort brach allgemeiner
Jubel aus - endlich war die Wirkungsweise der Homöopathie
wissenschaftlich bewiesen, von Feinstofflichkeit und prinzipieller
Nichtbeweisbarkeit war plötzlich keine Rede mehr.
   Dann kam RANDI zu Benveniste, von Nature geschickt, und deckte in
wenigen Tagen auf, daß Benveniste seine in fünf Jahren gesammelten
Ergebnisse nicht reproduzieren konnte (lesenswerter Aufsatz  von RANDI
in KÖBBERLING).
   Aber jetzt, einige Jahre später, werden wieder die Ergebnisse von
Benveniste zitiert, die Aufklärung durch RANDI wird verschwiegen - das
ist die Wahrheitsliebe der Pseudologen.


§ 66. Das Leugnen der Beweispflicht.

Wie mit der Wahrheitsliebe ist es auch mit der Beweispflicht, aus der Naturbeschreibung
läßt sie sich nicht ableiten, sie ist eine gesamtgesellschaftliche Forderung:
Die Beweispflicht liegt beim Behaupter.

Die Pseudologen beklagen heftig das Desinteresse der Wissenschaft an ihren
‘Entdeckungen’, selbst wollen sie sich aber um die Aufdeckung von
Wirkmechanismen nicht kümmern. Lieber steigt man sofort in den Vertrieb ein.
Was soll auch Forschung, die nur Geld kostet, nur Zeitverluste einbringt, die
am Geldverdienen hindern.

   Daß über die biologischen Mittel oft zu wenig kontrollierbare Daten
vorliegen, ist auch die Schuld derjenigen, die saubere Erfahrungen nicht
zur Kenntnis nehmen, geschweige denn sie einer sauberen Prüfung
unterziehen schreibt der Heidelberger Anatom Landsberger im Grußwort zum
6. Arzt-Patienten-Kongreß über Tumornachbehandlung (1990) und will so
wie üblich die Beweislast der Schulmedizin unterschieben. Was sind wohl
saubere Erfahrungen? Die Untersuchung von NAGEL und SCHMÄHL (1984) zeigt
jedenfalls, daß als saubere Erfahrungen immer die gleichen Fehler
gemacht werden: Einzelfallbeschreibung, fehlende oder unzureichende
Dokumenation, Fehlen prospektiver doppelblinder Studien u. s. f. Ein
weiteres kommt hinzu: Kaum macht die Wissenschaft einmal ernst mit der
Nachprüfung, wird diese von der Pseudomedizin regelrecht boykottiert und
behindert.
   Müssen die Pseudologen wirklich einmal beweisen, z. B. vor Gericht,
dann beweisen sie eh lieber und auch erfolgreicher mit Zeugenaussagen
die Wirksamkeit der Methode. Steht man aber vor Gericht, weil man wegen
Nebenwirkungen verklagt wurde, erklärt man im Brustton der Überzeugung,
auch der überdurchschnittlich unterbegabte Laie müsse sofort erkennen,
daß die ‘Methode’ völlig wirkungslos, also auch nebenwirkungsfrei sei
(WIMMER in PROKOP/WIMMER).


§ 67. Die Verschwörungstheorie.

Normalerweise meiden die Pseudologen die diskursive oder argumentative
Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Ist sie doch einmal unvermeidlich,
dann präsentieren sie als letzten Trumpf die Verschwörungstheorie. Die
etablierte Medizin bilde eine einzige Verschwörung gegen die Alternativen.
Die Medizin bekämpfe die Alternativen nur deshalb, weil sie sich das Geschäft mit
den Krebskranken nicht wegnehmen lassen wolle. Da werde in Kauf genommen,
daß den Kranken die wirksame Alternativtherapie vorenthalten werde. Der
Heidelberger Anatom Landsberger treibt es dann bis zum Rufmord, wenn er
behauptet, daß bei der Krebserkrankung von Angehörigen nachts die
Kliniker an seiner Haustür um die Mistelspritze bettelten: Sie wissen
ja, daß wir da nichts haben! (Biol. Krebsabwehr Nr. 25, Februar 1990).
Leute wie Issels werden dann zu Märtyrern. Nach unserer Darstellung im
2. Teil überlassen wir das Urteil dem Leser.


§ 68. Die Vernebelung der Fakten und Begriffe.

Die Homöopathie in Beweisnot erfindet die Feinstofflichkeit, die halt von der
Physik nicht erfaßt werden könne. Dabei kann die Physik sogar stofflose Dinge
erfassen; das Photon ist so feinstofflich, daß es gar keinen Stoff mehr
enthält und kann doch gemessen werden. Popp zieht die Biophotonen aus
dem Hut wie der Zauberer das Kaninchen, die Wärmestrahlung als deren
Widerlegung findet dann die Putzfrau nach der Vorstellung unter dem
sprichwörtlichen Tisch, unter den Popp sie fallen ließ. In der ganzen
neueren Pseudomedizin wimmelt es nur so von Begriffen aus der modernen
Physik und sogar Quantenphysik. Ubiquitär ist die Verwendung des
Energiebegriffs, der selbstverständlich nie in seiner physikalischen
Bedeutung auftritt, aber Wissenschaftlichkeit vortäuschen soll. Die
Quantentheorie wird ja im gebildeten Bürgertum als substanzgewordene
Wissenschaftlichkeit angesehen.
   Nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen vor der letzten
Jahrhundertwende erfuhr Strahlung durch die Medien eine weite
Verbreitung, nicht als physikalischer Begriff, sondern als magisches
Wort; eine neue Krankheit entstand, die Strahlenfühligkeit, die Züge
einer Massenhysterie annahm, die Strahlenangst. Als nach der
Jahrhundertwende die neue Physik entstand, wurden deren Begriffe ganz
selbstverständlich in die Pseudowissenschaft übernommen, auch wenn sie
nichts anderes als bloße Garnierung waren, die HEISENBERGsche
Unschärferelation sollte plötzlich als Erklärung der Homöopathie dienen:
Aufgrund der Unschärferelation nimmt mit der Potenzierung zwar die
Lokalisierbarkeit der Arzneisubstanz ab, dafür wachsen aber ihre Impuls-
und Energieschärfe ( Popp FA: Deutungsversuche homöopathischer Effekte
aus moderner physikalischer Sicht. Allg homöop Ztg 223, 1978).
   Als in den 70ern die Kybernetik modern wurde, tauchte deren Vokabular
sofort in der Pseudomedizin auf. Wobei man sich schließlich fragt,
weshalb denn biologisch-natürliche Verfahren des Vokabulars einer
nackt-materialistischen Physik bedürfen.


§ 69. Die Methode der falschen Etikettierung und das Segeln unter falscher Flagge.

Wenn von Alternativmethoden die Rede ist, hört man auch immer biologisch, natürlich,
ganzheitlich. Aber: ein nicht unbeträchtlicher Teil besteht aus der Behandlung mittels
Apparaten. Aber auch diese Therapien werden biologisch, natürlich, ganzheitlich genannt.
Wieso?
   HAHNEMANN nennt Verdünnen nicht Verdünnen, sondern Potenzieren. Bach
bezeichnete seine Nosoden als ‘orale Vakzinen’, also Impfstoffe. Doch
seine Nosoden sind keine Impfstoffe, haben damit nichts zu tun. Aber
damals wurden die ersten echten Impfstoffe entwickelt, Impfstoffe waren
moderne Medizin.


§ 68. Das Heilungsversprechen.

Allen pseudomedizinischen Verfahren gemeinsam ist das völlig unkritische
Heilungsversprechen, das fast religiöse Züge annimmt, zum Heilsversprechen
wird: Glaube mir, und ich heile Dich, und unausgesprochen bleibt wenn Du zahlst,
denn das kostet, sogar viel Geld, aber Deine Gesundheit muß Dir das schließlich wert
sein. Jedem wird dieses Versprechen gegeben, auch dem moriturus, in dem
der Krebs wuchert, der nach dem Strohhalm greift und auch teuer dafür
bezahlt. Nein, sagen die Pseudologen, das ist kein Strohhalm, wir heilen
doch gerade die austherapierten Fälle, die die Schulmedizin nicht heilen
kann! Nimmt dann die Sache ihren Lauf, wie er nach den
Wahrscheinlichkeiten zu erwarten ist, dann wird dem Kranken noch die
Schuld dafür in die Schuhe geschoben, denn sein Glaube war eben nicht
stark genug, der unverbrüchliche Glaube ist nunmal Voraussetzung dieser
besonderen Therapie. Oder schlicht Man hat mich zu spät gerufen.
Jedenfalls, das Versagen der Methode liegt nie an der Methode.
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[*/QUOTE*]


Dieser Text wurde geschrieben vor 11 Jahren. Er hat nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Im Gegenteil. die heutigen Aktivitäten Kranke parasitierender "Kreise" und "Vereine"  folgen genau den Schemata, die Peter Zeller beschrieb.
Gespeichert
Würde ich von Licht leben,
müßte ich grün sein.