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Die Drahtzieher / Hintergruende und Methoden => Die Akte Politik: Wahnsinn per Gesetz => Topic started by: ama on May 18, 2009, 05:02:05 PM

Title: NZZ_BLOG_ARCHIV Stadler 23. April 2009 "Die Herstellung von Notfalltropfen"
Post by: ama on May 18, 2009, 05:02:05 PM
Beda Stadler

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›Alles Placebo oder was?
23. April 2009, 10:29, NZZ Blogs
Eidg. Abstimmung vom 17. Mai - Komplementärmedizin
Die Herstellung von Notfalltropfen
... oder wie Sie schnell reich werden können

Nach dem 17. Mai eröffnen sich neue Business-Opportunitäten. Für all jene, die da mittun wollen, hier eine Anleitung, wie man Notfalltropfen herstellt. Das ist das bekannteste und am meisten verkaufte Bach-Produkt. Wagen Sie es, es ist kinderleicht und Sie könnten sich eine goldene Nase verdienen.

Zwanzig Prozent der Französinnen sollen ständig ein Fläschchen „Rescue Drops“ (Notfalltropfen) mit sich herumtragen. Bei uns werden Kinder damit zur Schule geschickt. Ich nehme an, Katzen werden sicher auch damit behandelt.

Die Indikationen für diese Notfalltropfen sind (halten Sie sich fest!): Schock; Betäubung; Panik; Stress; Spannung; Angst, oder die Kontrolle zu verlieren. Ein lieber Freund und Fernsehmoderator hat jeweils vor der Sendung ein paar Tropfen eingeworfen und sich bei mir geoutet. Ich nehme an, er lebt seit unserem Gespräch ohne „Placebo-Doping“. Seine Sendungen werden trotzdem immer besser.

Für die Herstellung der Tropfen brauchen Sie fünf Blümchen: Doldiger Milchstern, Gelbes Sonnenröschen, Drüsentragendes Springkraut, Kirschpflaume und Weisse Waldrebe. Zudem benötigen Sie einen Brunnen voll Quellwasser. So was gibt es auf einem Bauernhof und kann gemietet werden. Da die Produktion vor Sonnenaufgang gestartet werden muss, kommen Ihnen dabei die Kühe kaum in den Weg und der Bauer kriegt gratis zwei Fläschchen Notfalltropfen als Entschädigung.

Botanische Kenntnisse vorausgesetzt, gibt’s die Blümchen gratis im Frühsommer. Ein paar Handvoll Blütenblätter werden für etwa drei bis vier Stunden in den Brunnen geschmissen. Die Sonne bringt dann die Pflänzchen dazu ihre „Schwingungen“ als „heilende Energie“ an das Wasser abzugeben. Man sollte ab und zu rühren; gemäss Original-Methode nur mit dem Stängel einer Pflanze!

Den Brunnen ablassen und das Wasser mit einem gleich grossen Volumen Alkohol als Konservierungsmittel versetzen. Falls ihr Brunnen einen Kubik fasst, kostet sie der Sprit maximal 8000 Franken. Diese Urtinktur oder Stocklösung wird 1:240 verdünnt und erinnert in diesem Punkt an Homöopathie, entspricht aber in etwa bloss einer D3 Verdünnung.

In der Schweiz werden derzeit Notfalltropfen à 20 ml zwischen 15 und 30 Franken verkauft. Der Marktwert ihres Brunnens beläuft sich somit auf 360‘000 bis 720‘000 Franken. Klar, Etiketten müssen gedruckt und die Fläschchen abgefüllt werden; trotzdem bleibt ein netter Gewinn. In Anbetracht, dass das Marketing von der Volksinitiative übernommen wird, hält sich das Risiko in Grenzen.

Werden in Zukunft seriöse Pharmafirmen dieser Verlockung widerstehen können?
Nachtrag

Lieber Herr Denzler, (Siehe Kommentar unten) Heureka und Danke!

Ich bin schon fast verzweifelt, weil niemand das Beispiel nachgerechnet hat. Aber ich habe gedacht, wenn ich sage, dass ein Brunnen mit ein paar Blümchen drin einen Marktwert von 720 Millionen Franken hat, würden die Leser meinen, ich mache Witze. Alternativmedizin ist meistens ein Witz, aber man darf es nicht sagen. Leute die so rechnen können wie Sie, wissen das. Trotzdem, danke, dass Sie mitgemacht haben.

Beda Stadler - Immunologe, Uni Bern

 
Leser-Kommentare: 12 Beiträge

ama ama (24. April 2009, 01:44)
grenzenloser, völlig enthemmter Sozialdarwinismus

Wenn es darum geht, Geld zu sparen, ist Homöopathie einzigartig: Mittel mit überhaupt absolut rein gar nichts drin.
Homöopathie ist eben die Königin der Heilerkunst (http://www.communicide.de)

Sehr oft landet ein Kranker auch beim
http://www.verein-fuer-individuelles-sterben.de

Zum Selbstverständnis der Homöopathen sei gesagt, daß nicht alles Sch... ist, was sie machen, aber manches schon:
http://www.sozialdarwinismus.at


Remo Matti (21. April 2009, 14:51)
Eigene Erfahrungen
Ich bezeichne mich als Skeptiker, der aber ein Recht auf Anhoerung zulaesst. Vor gut 10 Jahren konntte ich wegen eines Hustenanfalls mitten in der Nacht nicht mehr schlafen. Da riet mir meine Freundin, diese Tropfen, von denen ich noch nie was gehoert hatte, einzunehmen. Ich habe keine 10 Minuten spaeter wie ein Papst geschlafen. Krankenkasse oder nicht - die 30 Franken (in England weniger als die Haelfte fuer das selbe Produkt) zahle ich gern aus dem eigenen Sack. Was wuerden aber Mainstream-Doktoren in einem solchen Fall aus dem Pharma-Arsenal verschreiben? Und fuer wieviel Geld?

Remo Matti (21. April 2009, 14:48)
Lustig, lustig...
...Notfalltropfen sind offenbar sehr verduennt, was "wir" der Homoeopathie permanent vorhalten. Ich habe das letzte Flaeschchen von einem Kollegen bekommen, der sie vorschrifsgemaess eingenommen hatte und der aber extrem darauf reagierte: rote Flecken an Hals und Gesicht, deutlicher Histaminschock. Was gilt jetzt... Aber die Intention ist klar: es geht darum, zu pauschalisieren und fuer ein nen zur kommenden Abstimmung Stimmung zu machen.

Hans Martens (20. April 2009, 13:12)
Verfahrensoptimierung
Bei http://www.homeowatch.org/history/oscillo.html findet der geneigte Leser einen der lustigsten Artikel zum Thema den ich kenne. Die sagenhafte Verdünnung von 1: 10 hoch 400 (!) erreicht man kostengünstig dank den Forschungen eines Herrn Korsakow. Der Erfinder, Joseph Roy, empfahl es gegen Krebs, Syphilis, Krätze und Tuberkulose. Leider kamen dann die Antibiotika dazwischen, und jetzt wird es nur noch gegen "erkältungsähnliche Zustände" empfohlen. Interessant sind die Ingredienzien, die zum Glück enorm verdünnt werden: Man lässt 35g der Leber und 15g des Herzens einer frisch enthaupteten Gans mit Zucker und Bauchspeicheldüsensaft 40 Tage lang verfaulen und verdünnt dann die Schmiere nach Korsakov. Na dann prost Mittelalter!

Thomas Marti (20. April 2009, 10:16)
Business-Verlockung?
Schreiben Sie doch mal eine Glosse über etwas, das Sie als seriöser Immunologe auch kennen sollten: Z.B. über den unsinnigen Masseneinsatz von Antibiotika, der uns seit den 40er-Jahren zunehmend Schwierigkeiten mit Infektionskrankheiten gebracht hat, zu einem gravierenden Problem für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit geworden ist und in der Schweiz jährlich rund 80 Menschen das Leben kostet (abgesehen von den Kosten von mehreren 10 Mill. Fr./Jahr). Erklären Sie doch, weshalb Antibiotika häufig und immer noch unkritisch (aber kassenpflichtig) z.B. gegen Zahnweh, Husten, Ohrschmerzen oder Sinusitis eingesetzt werden, obwohl aus schulmedizinischen Studien längst gut bekannt ist, dass Antibiotika hier in den allermeisten Fällen überhaupt nichts nützen. – Ob das angebliche Geschäft der „Alternativen“ mit Brunnenwasser wirklich das Problem darstellt, oder ob nicht vielmehr die Seriosität gewisser nicht-alternativer „Gesundheitsvermarkter“ in Frage steht?
 
Hans U. Scherrer (20. April 2009, 10:15)
Gewinnspanne
Herr Michel, sie sollten beachten dass die von der Pharmaindustrie produzierten Medikamente einen Wirkungsnachweis über Placebo hinaus erbringen müssen, welche die Naturheilverfahren noch schuldig sind. Im Gegensatz zu diesen können Sie bei einem Medikament der Pharmaindustrie zumindest sicher sein, dass es auch wirkt. Ausserdem haben diese Firmen im Gegensatz zu Naturheilern auch Forschungskosten zu ammortisieren.

Noëlle Kuhn (20. April 2009, 10:09)
Paradigmawechsel
Herr Staddler hat versäumt, sich nicht nur über finanzielle Aspekte, sondern auch über einen längst fälligen Paradigmawechsel in der Medizin nachzudenken.

Matthias Denzler (20. April 2009, 09:20)
Untertreibung
Sie untertreiben, Herr Stadler! Wenn ich die Sache mit der Verdünnung richtig verstehe, entstehen aus den 2 Kubik (= 2'000 Liter) 480'000 Liter, das sind 480 Mio. ml, und das entspricht 24 Mio. Portionen à 20 ml. Zu 15 bis 30 Franken ergibt das 360 bis 720 Mio. Franken. Es lohnt sich, und wer gerade keinen Brunnen zur Hand hat, kann schon mal mit einer Blumenvase beginnen.

Daniel Niklaus (17. April 2009, 20:31)
Ein Artikel der in allen Belangen richtig ist
Wenn Menschen in Panik geraten, Stress fühlen, Angstzustände erleiden, von Spannungen geplagt sind oder drohen die Kontrolle zu verlieren, sind dies Psychische Reaktionen. Diese Menschen stecken in einer Situation, welche sie überfordert. Das kann eine „harmlose“ Abschlussprüfung sein, der falsche Job oder eine ausgemachte Midlife Crisis. Also klassische Psychologie. Der Pfarrer würde sagen: vertraue in Gott. Der Psychologe: nimm auf meiner Couch platz, der Bachblütentherapeut zieht die Kräuter und die „seriöse“ Pharmafirma dröhnt den Patienten mit abhängigkeitsmachenden Stimmungsaufheller zu.
Welches die richtige Antwort ist? Schwierig. Was aber bestimmt gesagt werden kann: jeder holt sich sein Sümmchen ab.

Fabian Kupferschmid (17. April 2009, 20:26)
Habe ich einmal versucht
Vor vielen Jahren, als ich noch in der Ausbildung war, hatte ich mich auch mit einer Situation zu konfrontieren, bei der ich wusste, dass ich extrem nervös sein würde. Eine Bekannte riet mir, doch "Notfalltropfen" zu kaufen, diese seien super für solche Situationen. Ich begab mich also in eine Drogerie und fragte nach diesen Tropen und erkundigte mich, ob die auch wirkten würden. Die Drogistin versicherte mir, dass diese Tropfen wirksam seien, bei Panik, Angst, Stress usw... Ein wahres Wundermittel. Ich kaufte also diese teuren Tropen und versuchte sie. Die versprochene Wirkung blieb aus. Ich erfuhr leider erst später, dass diese Tropfen nichts mit Wissenschaft, sondern mehr mit übernatürlichem Aberglaube zu tun hatten. Die 29 Franken reuen mich heute noch. Aber noch mehr ärgert mich, dass mich die Drogistin nicht darauf hingewiesen hatte.
 
Rudolf Forster (17. April 2009, 19:28)
Röhrenblick
Wenn die Abstimmung auf diesem Niveau basiert, dann ist es wohl richtig wenn es in abgeänderter From heisst <Jedes Land hat seine Medikamente die es verdient>

Lucien Michel (17. April 2009, 19:13)
Um wieviel grösser
ist wohl die Gewinnspanne bei einigen -vielleicht mehr, vielleicht weniger wirksamen - Produkte der Pharmaindustrie, geschützt durch unsere Politik.... ?
 
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