Ihr Arzt verkauft nun an Sie
Teil 2

 

 

 

 


Rexall's Spitzen- Rekrutierer ist Sylvain Chevalier, der Ärzte anwirbt, indem er die Auseinander- setzungen in der praktizierenden Medin ausnutzt

Homöopathischen Hilfsmitteln mangelt es auch an wissenschaftlicher Unterstützung. Diese Hilfsmittel basieren auf der unbegründeten Theorie, dass winzig kleine Mengen krankmachender Substanzen -- in einem Verhältnis von eins zu mehreren Millionen -- den Körper gegen Krankheiten immunisieren. Kritiker sagen, dass homöopathische Hilfsmittel nichts weiter als inaktive Placebos sind, die Patienten nur helfen können, indem sie diesen vortäuschen, ein wirkungsvolles Behandlungsmittel erhalten zu haben. Im Laufe der Jahre haben Forscher herausgefunden, dass ungefähr 30 Prozent der Patienten, die Placebos erhielten, über Verbesserungen ihres Gesundheitszustandes berichteten.

"Sie wissen nicht einmal, was in den Flaschen mit Diätergänzungen drin ist, geschweige denn, ob sie für irgendetwas hilfreich sind, weil alle diese Produkte nicht kontrolliert werden, "sagt Dr. Marcia Angell, geschäftsführende Herausgeberin des 'New England Journal of Medicine'. Das ist so, weil 1994 von der starken Diätergänzungs- Industrie ein umstrittenes Gesetz durch den Kongress geboxt wurde, das Ergänzungen von den FDA- Untersuchungen befreit, solange die Hersteller nicht behaupten, diese Produkte könnten Krankheiten kurieren, lindern oder gegen solche vorbeugen. Im letzten Jahr war Angell Co-Autorin eines beißenden Leitartikels, der darauf drängte, dass Ergänzungen den gleichen rigorosen Untersuchungsverfahren unterworfen werden müssen, denen auch konventionelle Arzneien unterliegen. "Dass Ärzte Produkte verkaufen, deren Sicherheit und Wirksamkeit niemand kennt, erscheint falsch und unmoralisch," sagt sie.

Ein anderes ethisches Problem ist, dass Ärzte, die mit RSI- Produkten handeln, ihre Patienten auf Ergänzungen hinsteuern, die mehr als vergleichbare Produkte in Einzelhandelsgeschäften kosten, sagt Lisa Colodny, pharmazeutische Koordinatorin am 'Broward General Medical Center'. So kosten zum Beispiel 150 Tabletten BioC von RSI, eine Kombination von Vitamin C und Bioflavonoiden, exakt 33,25 Dollar, während ein von Lindberg hergestelltes, vergleichbares Produkt mit fast identischen Inhaltsstoffen und einer sogar höheren Dosis Ascorbinsäure bei Eckerd nur 4,20 Dollar für 100 Tabletten kostet. In einem weiteren Beispiel vertreibt RSI 60 BioC- Tabletten zusammen mit 60 Tabletten einer Multivitamin/Protein- Kombination in einer Packung, die Cellular Essentials genannt wird und die 59,95 Dollar kostet. Wenn Sie aber zu Eckerd gehen und das vergleichbare Multivitaminpräparat TheragranM zusammen mit Lindbergs Vitamin C und Turbo Proteintabletten kaufen, erhalten Sie eine Kombination ähnlich der Cellular Essentials, aber mit viel mehr Pillen, für nur 28,98 Dollar.

Ich denke, eine Therapie mit Antioxidianten [Vitamine C, E, und Beta-Karotin] kann vorteilhaft sein," sagt Colodny, die für New Times Produkte und Preise verglich. "Aber denke ich auch, dass eine bestimmte Rexall Therapie tatsächlich die Beste ist? Nicht notwendigerweise, besonders wenn man die Preise betrachtet."

Gold sagte, die Produkte seines Unternehmens seien wissenschaftlicher entwickelt und qualitativ hochwertiger als jene anderer Firmen. Aber es gibt eine andere Erklärung für die höheren Preise. Rexall Sundown's Wirtschaftsbericht legt dar, dass es auf RSI- Produkte eine höhere Gewinnspanne gibt als auf die Waren, die durch die Einzelhandelsabteilungen des Unternehmens verkauft werden. Die Provisionen, die den RSI- Distributoren ausgezahlt werden, verursachen die meisten Verwaltungs- und Vertriebskosten dieses Geschäftsbereiches, und RSI hat höhere Gemeinkosten als Rexall's andere Unternehmensbereiche, fügt der Report hinzu. Nach den Worten von Sylvain Chevalier, einem in Miami angesiedelten RSI- Distributor, werden 60 Prozent des Firmeneinkommens als Provisionen an die Distributoren zurückgezahlt. So erklären die hohen Ausgaben für Provisionen an Zehntausende von Netz-Marketing- Zwischenhändlern, warum Diätergänzungen suchende Patienten bei Eckerd günstiger einkaufen können.

Aber die Patienten sind nicht die einzigen potentiellen Verlierer. Kritiker sagen, dass Ärzte und Andere, die Distributoren bei Rexall Showcase werden, einem klassischen, aber gut verkleideten Pyramidensystem zum Opfer fallen können.

Anfang dieses Monats drängten 44 wohlhabend aussehende Leute mittleren Alters in ein monatliches Distributor- Meeting im Holiday Inn an der Interstate 95 bei Hollywood. Mindestens drei Ärzte waren in dem schmalen Raum, in dem schon im Voraus die Begeisterung in den angeregten Gesprächen spürbar war. Schuman aus Boca Raton, ein Chirurg, prahlte auf dem Flur einer Gruppe von Leuten gegenüber, das RSI- Geschäft seiner Frau habe ihnen so viel Geld eingebracht, dass er sich erlauben konnte, seine Praxis zu verkaufen und im Ausland Medizin zu lehren. Dr. Rodney Cohen, ein Spezialist für Magen- und Darmkrankheiten aus Boca erklärte einem Besucher, er hoffe, dass sich das RSI- Geschäft seiner Frau so gut entwickelt, dass er es Schuman nachmachen und seine Arztpraxis aufgeben könne.

Gastgeber war Chevalier, ein stattlicher, höflicher Franko-Kanadier, der viele der an dem Meeting teilnehmenden Distributoren rekrutierte und der sich auf die Anwerbung von Ärzten spezialisiert hatte. Vor einer Dia- Leinwand stehend bestritt Chevalier jegliches Wissen über Verkaufstechniken, fuhr aber fort, das Gegenteil nachzuweisen. "Ich bin der Bote guter Nachrichten," sagte er. "Wieviele Leute in diesem Raum möchten gerne mehr Geld und mehr Zeit haben?" Die Leute lächelten und hoben ihre Hände. Er beschrieb, wie er sein sechsstelliges Einkommen als internationaler Banker durch sein Einkommen bei RSI ersetzte und sich dabei an den Bequemlichkeiten erfreute, von zu Hause aus zu arbeiten. Ein von ihm gezeigtes Dia bezifferte das Durchschnittseinkommen eines RSI- Distributors mit 5 untergeordneten Sufen aktiver Händler oder Downliner auf monatlich 21.867 Dollar.

"Jeder kennt und vertraut Rexall, eine große amerikanische Institution, mit der wir alle aufgewachsen sind," sagt er. "Es ist eine Familie von Firmen, zu der immer noch Tausende von Rexall- Drogerien gehören," fügt er falsch hinzu. "Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Wie viele von Euch haben früher schon einmal eine großartige Geschäftsidee verpasst?" Einige Hände werden gehoben. "Wenn Ihr diese verpasst, werdet Ihr Euch den Rest Eueres Lebens daran erinnern." Dann stellte er Gold vor, der den Vergütungsplan für Distributoren beschrieb als "der lukrativste" in der Netzwerk- Marketing- Industrie. "Wir haben die meisten professionellen Elite- Distributoren der Industrie, weil großartige Menschen andere großartige Menschen anlocken," prahlt Gold.

Chevalier endete, indem er jedermann versicherte, dass RSI- Distributoren nicht mehr als 49,50 Dollar für ein Starter- Kit investieren müssen. Später dann erzählte er New Times jedoch, dass neue Distributoren und insbesondere wohlhabende Selbständige wie z.B. Ärzte angespornt werden, Produkte im Wert von 4.000 Dollar zu kaufen, um sich unmittelbar für eine fünfprozentige Provision auf Verkäufe ihrer Downline zu qualifizieren.

Aber in dem Meeting wurde nur sehr wenig über die RSI- Produkte gesprochen, die vorne im Raum ausgestellt waren. Aber das ist nicht so verwunderlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, weil Chevalier und andere Distributoren im Einklang mit den Audiowerbekassetten sagen, dass damit nicht das wirkliche Geld verdient wird. Gemäß eines Handzettels, den Chevalier beim Training seiner Downline benutzt, basiert das langfristige RSI- Einkommen der Distributoren primär auf dem persönlichen Verbrauch der Produkte innerhalb der Downline und auf den Produkten, den diese Händler anderen Händlern verkaufen. Keiner der acht von New Times befragten Distributoren legt den Schwerpunkt auf den Verkauf an Menschen, die nicht untergeordnete Distributoren sind.

Ein "legales" MLM- Geschäft unterscheidet sich von einem Pyramidensystem dadurch, dass Ersteres seinen Fokus auf den Verkauf von Waren oder Dienstleistungen an Einzelhandelskunden legt, während sich das Zweite darauf konzentriert, soviel Distributoren als möglich zu rekrutieren und von denen das Geld abzusaugen, sagt Jim Lyons, ein in Tampa ansässiger Ermittlungsbeamter des Büros des Generalstaatsanwaltes von Florida. Entsprechend der Bundes- und Staatsgesetze müssen MLM- Distributoren mindestens 70 Prozent ihrer Produkte an Einzelhandelskunden verkaufen, die keine Distributoren sind. Dies dient dem Schutz von unvorsichtigen Händlern, die sich sonst womöglich mit einer Garage voller Produkte festfahren würden, weil ihnen dieser Kauf vorgeschrieben wurde, um sich für Provisionen zu qualifizieren. Im Laufe der Jahre ist das Büro des Generalstaatsanwaltes gegen 48 MLM- Firmen vorgegangen, weil sie mit den Anti- Pyramidengesetzen kollidierten, einschließlich großer Unternehmen wie Herbalife und Nu Skin International.

 

 

 


Rexall's Vizepräsident Glenn Gold behauptet, das Unternehmen sei nicht für Produktansprüche verantwortlich, auch wenn es diese "sehr sehr sorgfältig überwacht."

Aber Robert FitzPatrick, Co-Autor des Buches 'False Profits' sagt, praktisch seien alle Netzwerkmarketing- Programme Pyramidensysteme, weil die Rekrutierung und nicht der Verkauf das wahre Ziel ist. Statistisch ist es nur einem winzigen Prozentsatz an Distributoren möglich, genügend Downliner anzuwerben, um finanziell erfolgreich zu sein. "Worüber die Leute scheinbar nicht nachdenken ist, dass die Händler ganz unten gar nicht ausreichend Kunden finden können, um einen Gewinn zu erzielen, weil die Anzahl an Menschen auf der Erde nun einmal begrenzt ist," sagt Les Garringer, stellvertretender Assistent des Generalstaatsanwaltes und zuständig für Wirtschaftskriminalität.

Ein Grund, warum potentielle Distributoren dieses Konzept nicht durchschauen liegt in der Tatsache, dass MLM- Unternehmen normalerweise verschweigen, wie hoch das Durchschnittseinkommen der Händler ist, wieviele innerhalb eines Jahres aufgeben und wieviele das sechs- und siebenstellige Einkommen erzielen, mit dem die Unternehmen locken - gesetzmäßig sind sie zu solchen Angaben ja auch nicht verpflichtet. Downliner steigen oft aus und verlieren Tausende investierter Dollar und entfremdeten sich, was noch schlimmer ist, ihrer Freunde und Verwandten, weil sie versuchten, diese zu rekrutieren, sagt FitzPatrick. Die Nutznießer sind die Gründer und die ersten Distributoren, die meist durch die in dieser Kette Untergeordneten zu Reichtum kommen. Gold sagt, Rexall Showcase liefere keine Informationen zum Durchschnittseinkommen seiner Distributoren oder zur durchschnittlichen Dauer des Verbleibs im Netzwerk.

Warum konzentrieren sich nun Rexall- Distributoren auf das Rekrutieren statt auf das Verkaufen? Gemäß eines Charts in den von Chevalier verteilten Unterlagen verdient ein Distributor, der mit drei Kunden beginnt, die wie er für 100 Dollar im Monat RSI- Produkte verbrauchen, gerade einmal 15 Dollar monatlich an Provisionen. Aber die Gewinne steigen exponentiell, wenn diese Kunden Distributoren werden und weitere Leute rekrutieren. Die Person an der Spitze dieser Kette verdient 10 Prozent an allen Verkäufen der Downline. Wenn der erste Distributor tatsächlich fünf aktive Distributoren unter sich installiert, von denen jeder drei Kunden hat und jede Person in diesem Netzwerk für 100 Dollar RSI- Produkte kauft, dann steckt der ursprüngliche Distributor beinahe 11.000 Dollar in seine Tasche. Das steigt auf 50.000 Dollar monatlich, wenn jeder Downline- Distributor einen weiteren Kunden gewinnt.

Bei solchen Anreizen ist es verständlich, warum Chevalier und andere ernsthafte Distributoren ihre allermeisten Anstrengungen für das Einschreiben neuer Händler aufbringen. Sie sagen, dass die meisten Produkte an die Menschen innerhalb der Distributoren- Kette verkauft werden, die das Zeug selbst verbrauchen. "Die einzigen Menschen, die an Einzelhandelskunden verkaufen, sind die Ärzte," sagt Chevalier in einem Interview. "Menschen wie ich verkaufen nie. Fünf Prozent der monatlichen Rexall- Verkäufe gehen zu Einzelhandelpreisen an Einzelhandelskunden. Fünfundneunzig Prozent wird zu Großhandelspreisen an Menschen wie mich und den Rest der Menschen in meiner Downline zum Eigenverbrauch verkauft. Es ist ein Rabattkaufclub wie Costco."

In Interviews sagten verschiedene Ärzte, dass auch sie keine Produkte an Endkunden verkaufen. "Ich betreibe kein Einzelhandelsgeschäft," erklärte David Kane, ein Mediziner aus Miami. "Ich erzähle den Menschen von den Produkten, wenn ich ihnen das Geschäftsprinzip vorstelle." "Ich frage die Menschen nicht, ob sie Produkte kaufen möchten," antwortete Harold Glatzer, Fußspezialist aus Miami. "Ich erzeuge Interesse an der Idee, Marktanteile zu erbeuten oder Distributoren- Rechte zu erwerben."

Chevalier und Glatzner versuchten sogar den Reporter dieses Artikels zu rekrutieren. "Wenn einmal der Zeitpunkt kommt, dass Sie an einer persönlichen Perspektive interessiert sind, dann lassen Sie es mich wissen," sagte Glatzner hoffnungsvoll.

Das Unternehmen hat eindeutig von dem Fokus seiner Distributoren auf die Rekrutierung profitiert. In seinem Geschäftsbericht vermerkt Rexall Sundown, der Hauptgrund für den Einnahmenzuwachs in Höhe von 51 Prozent sei der 30-prozentige Zuwachs an Distributoren gewesen.

In einem Interview im Anschluss an das Holiday- Inn- Meeting stimmte Gold der Tatsache zu, dass ein großer Teil der Firmenverkäufe an Distributoren gehe. "Yeah, die Distributoren kaufen Produkte und konsumieren sie selbst, durchaus. Das ist ein großer Teil der verkauften Produkte."

Aber Carol Walters, eine RSI- Sprecherin vermerkt, dass das Unternehmen den Distributoren zur Einhaltung der Antipyramiden- Richtlinien der FTC eine 90-prozentige Rückvergütung auf alle unverkauften Produkte gewährt und sie zur Bestätigung verpflichtet, dass 70 Prozent ihrer Einkäufe weiterverkauft wurden, bevor sie neue Lieferungen bestellen können. Die Unternehmensbroschüre mit dem Vergütungsplan erwähnt jedoch nicht die Forderung der Regierung, dass 70 Prozent der Verkäufe an Einzelhandelskunden erfolgen müssen, die keine Distributoren sind. RSI weigerte sich, New Times Zahlenmaterial zum Nachweis der Einhaltung dieser Gesetze durch die Distributoren zu liefern, nicht einmal auf der Basis, dass diese als vertrauliche Informationen unveröffentlicht bleiben.

Nachdem ihm die Aussage der Distributoren, ihr Schwerpunkt liege auf der Rekrutierung anstelle des Verkaufs, mitgeteilt wurde, sagte Lyons vom Büro des Generalstaatsanwaltes von Florida: "Das ist sehr beunruhigend. Wenn ihr Fokus stärker auf der Rekrutierung als auf dem Verkauf liegt, dann betreiben sie wahrscheinlich ihr eigenes, persönliches Geschäft als Pyramidensystem. Wir erwaten dann, dass das Unternehmen hart durchgreift. Wenn es ein Pyramidensystem ist, wird es entweder an sich selbst scheitern oder wir oder andere Regulierer werden es stilllegen."

Cohen und die anderen Ärzte, die sich bei Rexall Showcase eingetragen haben, wollen keine Kritik der AMA, der FTC oder von irgendjemand sonst über ihre neue Geschäftstätigkeit hören. Sie beschweren sich bitterlich darüber, dass der stetige Druck der Krankenversicherer ihre Einkommen schrumpfen lässt. "Was ist denn das für ein Standpunkt der AMA, wenn sie fordert, Ärzte sollten keinen Gewinn machen," fragt Cohan ungläubig.

Die meisten Amerikaner würden über diese finanziellen Beschwerden der Ärzte lachen. Im letzten Jahr stieg nach Angaben des Medical Economics Magazine das Nettoeinkommen aller nichtchirurgischen Ärzte um 1,4 Prozent auf ein mittleres Einkommen von 144.000 Dollar bundesweit. Für spezialisierte Chirurgen wie Leonhard wird für letztes Jahr eine Reduzierung des Nettoeinkommens um 3,8 Prozent berichtet, aber sie erfreuen sich immer noch eines jährlichen Durchschnittseinkommens von 207.000 Dollar.

Bitte lesen Sie auch Teil 3 dieses Artikels!

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