Ein Bundesministerium
auf der Suche nach dem Stein der
Weisen
PD Dr. rer. nat. Klaus
Keck
Das
Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (BMZ) macht sich Sorgen. Erkenntnisse unbekannter Forscher
könnten
nicht genutzt werden, weil die etablierte Wissenschaft sich weigere
diese zur
Kenntnis zu nehmen.
Um
diesem Mangel abzuhelfen beauftragte das Ministerium drei
in der Esoterikszene beheimatete "Wissenschaftler" im Rahmen eines
Forschungsvorhabens eine Studie zu erstellen, mit dem Ziel "neue
Kategorien von erneuerbarer Energien" und Methoden zur "Aktivierung
biologischer Prozesse" zu identifizieren. Mit der Untersuchung
beauftragt
wurden drei Gründungsmitglieder der in Esoterikkreisen
bekannten
Firma Binnotec
in Berlin, Marco Bischof (Schriftsteller), Dr. Thorsten Ludwig
(Physiker,
Präsident der Deutschen Vereinigung für Raumenergie,
DVR) und
Andreas Manthey
(KFZ-Ingenieur). Die Studie wurde 2005 abgeschlossen (Bericht
E5001-15). Der
Öffentlichkeit bekannt wurde sie aber erst jetzt durch einen
Hinweis auf der
Webseite der DVR.
Das
BMZ befürchtet, die zunehmende Verknappung der
Energieresourcen könnte dem wirtschaftlichen Forschritt der
Entwicklungsländer
entgegen stehen. Die Autoren haben dafür kein
Verständnis.
Die etablierte Wissenschaft
denke in ausgetretenen Pfaden und sei nicht in der Lage, neue Wege zu
gehen, so
ihr Argument. Dabei sehe sie den Wald vor lauter Bäumen nicht,
denn eine
unerschöpfliche Energiequelle sei überall vorhanden.
Man
brauche den Schatz nur
zu heben.
In
eingeweihten Kreisen hat diese Energie Namen wie
Raumenergie, Nullpunktsenergie oder Vakuumenergie. Man versteht
darunter eine
noch unerforschte Energieform, die mit Hilfe geeigneter Apparaturen
jederzeit
in eine gebräuchliche Energieform, wie Elektrizität,
umgewandet werden könne.
Die Größe der zur Verfügung stehenden
Energiemenge
erläutern die Autoren an
einem Beispiel: "Dies ist eine so unvorstellbar große
Energiemenge, dass
bereits der Inhalt einer Kaffeetasse ausreichen würde, die
gesamte
Materie des
bekannten Universums daraus zu erzeugen (E=mc2)".
Finanzkräftige
Investoren stellen beträchtliche Summen für
Firmen zur Verfügung, die sich mit diesen alternativen
Methoden
der
Energiegewinnung befassen. Esoterik auf diesem Gebiet ist ein gutes
Geschäft
für die beteiligten "Forscher".
Die
Autoren schlagen dem Ministerium eine Reihe von Methoden
vor, die ihrer Ansicht nach für eine Anwendung
in Entwicklungsländern geeignet sein
sollen. Ein bisschen
Forschung sei aber noch nötig, wird eingeräumt.
Spezielle
Institute sollten
gegründet werden, um diese Methoden weiter zu entwickeln.
An
einigen Beispielen soll
gezeigt werden,
welch
unerschöpfliches Potential an
Ideen nach Ansicht der Autoren von der etablierten Wissenschaft beharrlich
ignoriert wird.
Als
erste Methode aus dem Energiebereich schlagen die
Autoren die Herstellung von "Brownschem Gas" vor. Diese Mischung aus
Wasserstoff und Sauerstoff wird durch Elektrolyse von Wasser gewonnen
und ist
allgemein unter dem Namen Knallgas bekannt. Dieses Gasgemisch ist
hochexplosiv.
Vermutlich wird deshalb die hässliche Bezeichnung Knallgas in
der
Studie
vermieden. So neu ist das Verfahren allerdings nicht. Es wurde
bereits1800 von
dem Chemiker Johann Wilhelm Ritter entdeckt. Wohl jeder kennt diesen
Prozess durch
den Schulversuch mit dem Hoffmann'schen Wasserzersetzungsapparat. Die
Knallgasflamme kann bekanntlich zum Schweißen benutzt werden.
Über
die Eigenschaften des Gases
erfährt der Leser gar Wunderliches. Die Flamme soll so heiß
sein, dass man damit
Wolfram sublimieren
kann. Den Autoren ist offenbar entgangen, dass Wolfram (Schmelzpunkt:
3422 Co,
Siedepunkt: 5555 Co)
nicht sublimiert. Die
Gutgläubigkeit des Lesers
wird auch dadurch strapaziert, dass er glauben soll, dass dabei die
Temperatur
der Flamme nur 138 Co
betrage.
Die
Autoren preisen den
hohen Energiegehalt des Gases und
empfehlen u.a. dieses, als "Energieträger/Speicher"
einzusetzen.
Wie
man das hochexplosive Gas lagern oder transportieren soll, wird nicht
mitgeteilt. Es wäre abenteuerlich, Knallgas zu
verflüssigen,
um es in
Druckbehältern in Entwicklungsländern zu
befördern. Auf
die einfache Idee, nur
den Wasserstoff zu transportieren, da der Sauerstoff ja sowieso
überall zur
Verfügung steht, sind die Autoren nicht gekommen.
In
einem späteren Abschnitt der
Studie erfährt der Leser, dass
es mit
Hilfe von Knallgas
sogar möglich sein soll, radioaktiven Abfall zu beseitigen.
Sie
schildern eine
öffentliche Demonstration in den USA, bei der Prof. Brown
angeblich
radioaktives Americium mit Hilfe der Knallgasflamme mit anderen
Metallen
verschmolzen habe. Dabei soll
innerhalb
von fünf Minuten die Radioaktivität von 16.000
Curie/min um
ca. 95% reduziert
worden sein.
Bekanntlich
ist das Curie definiert als die Menge einer
radioaktiven Substanz die eine Zerfallsrate von 3.7 ·1010
Zerfällen
pro Sekunde hat. Was mit Curie/min gemeint ist, erfährt der
Leser
nicht. Aber
vielleicht sollte man nicht so kleinlich sein, wenn es um wirklich
große Dinge
geht. Und wirklich groß ist die Menge an
Radioaktivität
tatsächlich. Die 16.000 Curie
entsprechen einer
Zerfallsrate von 6 x 1014
Zerfällen pro Sekunde. Das
kann mit keinem
Geigerzähler gemessen werden. Die Bewilligungsgrenze
für
Am(241), dem am
häufigsten verwendeten Isotop des Americiums, liegt bei 200
Becquerel (Zerfälle
pro Sekunde). Der Professor hätte sicher gegen alle
Strahlenschutzrichtlinien
verstoßen, wenn er eine größere Menge bei
einer
öffentlichen Demonstration
gehandhabt hätte. Da liegen die Autoren mal eben um etwa 12
Zehnerpotenzen
daneben.
Als
Beispiel einer Energieerzeugung aus dem Nichts, sei hier
der Blacklight-Prozess angeführt. In dieses Verfahren, wurden
angeblich schon
mehrere Millionen Dollar investiert.
Der
Energieerzeugungs-Apparat besteht aus einer Zelle, in
die Wasserstoff unter Unterdruck eingeleitet wird. In der Zelle wird
durch
zugeführte elektrische Energie ein Plasma erzeugt. Dabei wird
Energie in Form
von UV- und Wärmestrahlung nach außen abgegeben und
durch
eine
Kraft-Wärmekopplung wieder in elektrischen Strom umgewandelt.
Das
Verfahren
soll sich zur Energiegewinnung eignen, weil angeblich mehr Energie
abgegeben
als zugeführt wird.
Zur
Erklärung der wundersamen Energievermehrung hat der
Erfinder eine neue Quantentheorie entworfen. Sie postuliert
Energieniveaus
unterhalb des Grundzustands und geschrumpfte Wasserstoffatome.
Als
Beweis für die Energie-Gewinnung führen die Autoren
an,
dass Tests in Universitätslaboratorien (z.B. Penn State
University) ergeben
hätten, dass die Energieausbeute 100 mal höher sei,
als bei
Verbrennung des
Wasserstoffs. Die Autoren haben geflissentlich übersehen, dass
die
Energie in
Form von elektrischem Strom zugeführt wird. Der Wasserstoff
wird
in
Wirklichkeit nicht verbraucht. Es muss bezweifelt werden, dass
Wissenschaftler
einer Universität solche unsinnigen Messungen
tatsächlich
vorgenommen haben.
Die
Autoren sorgen sich auch um die
Landwirtschaft in
Entwicklungsländern. Sie verweisen auf die Firma Plocher
Technology in
Meersburg. Diese vermarktet "Transmateriale
Katalysatoren", mit denen man
angeblich die
Erträge in der Landwirtschaft erhöhen kann
– ohne
Düngemittel, nur durch
Übertragung von Information. Man braucht dazu nur eine
"Energie,
die im
Äther oder Kosmos ihren Ursprung hat". Diese Kosmische
Energie,
auch Orgon
genannt, wurde von Wilhelm Reich 1939 postuliert. Man kann sie, so sind
die
Autoren überzeugt, mit einem Trichter konzentrieren, dessen
Wände aus
wechselnden Schichten organischen Materials und Metall bestehen.
Unter
dem Trichter wird Sauerstoff
durchgeleitet. Der
Orgonstrahl soll nun die Information des Sauerstoffs aufnehmen und
diese auf
einen darunter befindlichen Träger, z.B. Sand,
übertragen.
Der informierte
Sand, so wird behauptet, könne anschließend seine
Sauerstoff-Information an die
Pflanzen weitergeben, wenn er auf die Felder aufgebracht wird. Das Wort
Information ist ein Modewort bei Esoterikern jeder Provenienz. Es wird
nie
erklärt, was darunter zu verstehen ist.
Die
Autoren verraten dem Leser nicht,
warum der Orgonstrahl
beim Durchlaufen der Erdatmosphäre nicht bereits
Sauerstoff-Information
aufnimmt und sie, ohne Zwischenschaltung der Firma Plocher, direkt an
die
Felder weiter gibt. Die Autoren beschäftigen sich nicht mit
solchen trivialen
Fragen. Statt dessen verweisen sie auf "Forschungsergebnisse" des
promovierten Volkswirts und Erfinders der Transmaterialen
Katalysatoren, Prof.
Bechmann. Dieser habe mit einer Reihe von Untersuchungen, die
Wirksamkeit der
Plocher-Produkte nachgewiesen. Prof. Bechmann, Gründer eines
eigenen
Zukunfts-Zentrums in Barsinghausen, hat in der alternativen Szene einen
guten
Ruf, beispielsweise durch Vorträge und Schriften über
geistiges Heilen und
Homöopathie für Pflanzen. Ihm verdanken wir auch die
Einsicht, dass wirklich
neue Erkenntnisse nur von den "nachmaterialistischen
Naturwissenschaften"
zu erwarten sind.
Im
Interesse der Entwicklungsländer muss man hoffen, dass
die Esoteriker im BMZ, die für diese Verschwendung von
Steurgeldern
verantwortlich sind, nicht auch noch darüber entscheiden,
welche
von den
vorgeschlagenen Methoden und Produkten in diesen Ländern zum
Einsatz kommen
sollen. Die Raumenergie-Forscher träumen schon lange von dem
großen Durchbruch,
der mit der offiziellen Anerkennung auch einen Geldregen mit sich
bringen soll.
Sie sehen in dieser Studie einen wichtigen Schritt zu diesem Ziel.
Die
Studie kann hier
als pdf-File heruntergeladen werden.
Nachtrag: In der
Ausgabe Jan/Feb 2008 des NET-Journal (NET = New Energy Technologies)
das Esoterikern als Publikationsorgan dient, wird in einem Bericht
über die BMZ-Studie erwähnt, dass der Initiator dieser Studie
im BMZ, Dr. Jochen Böhmer, bereits seit 1997 Mitglied des
DVR ist. Meine oben geäußerte Vermutung, dass Esoteriker im
BMZ für die Verschwendung von Steuergeldern verantwortlich sind,
findet damit nachträglich eine Bestätigung.